Prekäre Zeiten für Frauen
> Dossier - Sondernummer 2009 2a
In Zusammenarbeit mit der Allianz für den freien Sonntag
Zum Inhalt dieses Dossiers
Einleitendes:
Beiträge:
Sichtweisen:
- Zugriff auf unsere Zeit. Unsere Zeit?
- Frauenerwerbstätigkeit und Prekarität (Christine Stelzer-Orthofer)
- Flexibilisierung von Arbeitszeiten: Segen oder Fluch? (Johanna Muckenhuber)
- Crazy Quilts - Arbeit, Einkommen, Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten neu verteilen (Michaela Moser)
- Brot und Rosen statt Prekarität (Elisabeth Maria Zarzer)
Orte:
- Teilzeit ja - aber geregelt! (Ilse Fetik, Kirstin Essenthier-Höchstätter)
- Die 24-Stunden Kita! (Rosina Baumgartner)
- Prekär Beschäftigte - herausforderung für die Gewerkschaften (Bernd Kulterer)
- Kirchliche MitarbeiterInnen und Sonntagsarbeit (Rolanda Hörmanseder)
- Wird der Sonntag schleichend zum Werktag? (Gudrun Giese)
- Allianzen für den freien Sonntag in Europa (Gabriele Kienesberger)
Ausblick:
- Gegenwind für prekäre Arbeitszeiten und -verhältnisse in Europa (Christine Riegler)
36 Seiten Euro 4,50 zuzüglich Porto: Euro 1,25 (Inland) - Euro 3,50 (Europa)
Einleitendes:
Prekäre Zeiten
Mehr denn je geht die Tendenz in der Arbeitswelt in Richtung atypische Beschäftigung und Prekarisierung. Frauen stellen das Gros dieser Gruppe. Atypische Beschäftigung ist dann prekär, wenn sie durch niedriges und nicht kontinuierliches Einkommen, unkalkulierbare Beschäftigungsdauer, ungenügenden sozialen Schutz, mangelnden Zugang zu betrieblicher Mitbestimmung bzw. geringen Karrierechancen gekennzeichnet ist. Unsichere Arbeitsverhältnisse weichen also aus Sicht der Erwerbstätigen in mehrfacher und negativer Weise von sogenannten Normalarbeitsverhältnissen ab.
ExpertInnen geben neuerdings auch Kennzeichen prekärer Beschäftigung an, die unsere Zeitautonomie oder Zeitsouveränität betreffen:
Dazu zählen permanenter Zeitdruck bzw. zeitweilige Unterbeschäftigung, ständige Verfügbarkeit, Vermischung von Arbeitsplatz und Privatbereich und mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Von prekären Zeiten kann man aber auch im Bezug auf die Lebenszeit sprechen. Angesprochen wird hierbei eine Lebenslage, die sich vor allem durch schwindende Möglichkeiten zu einer lägerfristigen Lebensplanung auszeichnet.
Im Zusammenhang mit prekären Arbeitszeiten wird häufig auch die mangelnde Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit angesprochen. Durch die Entgrenzung der Arbeit wird das Wochenende bzw. der Sonntag als gemeinsame freie Zeit in Frage gestellt. Unsere Zeitrhythmen und Zeitstrukturen laufen Gefahr, vollständig aufgelöst zu werden. Prekär Beschäftigte können folglich weder vom Zeitwohlstand noch vom materiellen Wohlstand in unserer Gesellschaft profitieren.
Das vorliegende ksoe-Dossier ist eine Dokumentation der Enquete "Prekäre Zeiten", die am 14. Oktober 2008 von der Allianz für den freien Sonntag Österreich in Kooperation mit dem Bundesminisiterium für Soziales und Konsumentenschutz durchgeführt wurde. Es haben rund 120 Personen teilgenommen, darunter zahlreiche VertreterInnen aus Deutschland, Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Polen und Kroatien aus den Bereichen Wissenschaft, Gewerkschaft, Kirchen und Zivilgesellschaft. Bei der Enquete wurde u.a. eine Resolution zur Aufnahme des freien Sontags in die EU-Arbeitszeitrichtlinie verabschiedet. Sie wurde von den Allianzen für den freien Sonntag Deutschland, Polen und Österreich verfasst und von über 100 TeilnehmerInnen unterzeichnet.
Der deutsche Zeitforscher Jürgen Rinderspacher sieht in der prekären Arbeit und der schleichenden Erosion des Sonntags die Kehrseiten ein und derselben Medaille:
Die Ausweitung der Betriebszeiten auf Nacht und Wochenende betrifft überwiegend einfache und mittlere Tätigkeiten, die immer häufiger mit prekären Beschäftigungsverhältnissen verbunden sind.
Im Beitrag der Linzer Sozialwissenschaftlerin Christine Stelzer-Orthofer wird deutlich, dass vor allem Frauen die Mehrheit bei den atypischen und prekären Beschäftigungsformen stellen. Frauen verbinden mit diesen Arbeitsverhältnissen die Hoffnung auf individuelle Gestaltbarkeit und Zeitsouveränität. Die tatsächlichen Handungsspielräume sind aber sehr eingeschränkt und richten sich vielmehr nach Markt- und Betriebserfordernissen.
Einen Einblick in die realen Arbeitswelten von Solo-Selbständigen bietet die Soziologin Johanna Muckenhuber. Von Solo-Selbständigen wird maximaler Einsatz bei flexibler Zeiteinteilung erwartet. Im Gegensatz zu "normal" Beschäftigten wird Arbeit in der Nacht oder am Wochenende nicht extra bezahlt, jedoch häufig erwartet.
Einen anderen Zugang zum Problem prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse von Frauen wählt die Sozialexpertin Michaela Moser. Sie sieht in der Zuständigkeit von Frauen für unterschiedliche Tätigkeiten wir Erwerbsarbeit, Familienarbeit, gemeinnützige Ehrenamtlichkeit etc. eine typische Patchwork-Ralität. Ohne entsprechende Rahmenbedingungen bringen für Moser diese "Crazy Quilts" unweigerlich die Gefahr eines Lebens in Armut mit sich.
Laut der Theologin Elisabeth Zarzer treibt gerade das Schreckgespenst Armut und Arbeitslosigkeit die Menschen in prekäre Arbeitsverhältnisse. Sie erleben eine Realität, die wenig mit dem zu tun hat, was die Katholische Soziallehre zum Thema "Arbeit in Würde" formuliert.
Den Rahmenbedingungen Teilzeit arbeitender Frauen widmet sich der Beitrag der GewerkschafterInnen Kirstin Essenthier-Höchstätter und Ilse Fetik. Sie bezieht sich dabei auf Studienergebnisse von IFES, wonach gerade im Bereich des Handels und der sozialen Dienstleistungen die Zufriedenheit der befragten Teilzeibeschäftigten unter dem Durchschnitt liegt. Zahlreiche Forderungen der Bundesfrauenabteilung der GPA djp zur Schaffung besserer Arbeitsplatzbedingungen und zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie runden den Beitrag ab.
Am Beispiel einer Kindertagesstätte (Kita), die rund um die Uhr geöffnet hat, wurde auf der Enquete "Prekäre Zeiten" über die Konsequenzen grenzenloser Verfügbarkeit von ArbeitnehmerInnen diskutiert. Rosina Baumgartner vom Katholischen Familienverband Österreich hat die Ergebnisse der Arbeitsgruppe zusammengefasst.
Der Gewerkschafter Bernd Kulterer stellt die Interessengemeinschaft work@flex vor. Hier finden atypisch Beschäftigte neben vielfältigen Vernetzungsmöglichkeiten vor allem Informationen über ihre Rechte.
Rolanda Hörmanseder, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft kirchlicher DienstnehmerInnenvertretungen Österreich, berichtet über die Sonntagsarbeit in pastoralen und sozialen Tätigkeitsfeldern der Kirche. Die Diözese Innsbruck erstellte arbeitsrechtliche Bedingungen, die Arbeitszeit, Sonn- und Feiertagsarbeit für alle gerecht und verantwortungsvoll regeln.
Einen Einblick in die deutschen Verhältnisse gewährt die Politologin Gudrun Giese. Unregelmäßige Arbeitszeiten, Arbeit auf Abruf und Sonntagsarbeit sind in vielen Branchen kein Tabu mehr. Am augenfälligsten sind die Veränderungen im bundesdeutschen Einzelhandel.
Doch auch die Bewegung gegen atypische und prekäre Arbeitszeiten formiert sich europaweit. Neben der Allianz für den freien Sonntag Österreich und Deutschland gibt es mittlerweile auch Allianzen in Polen und der Slowakei. Darüber und über eine europäische Erklärung zum Sonntagsschutz, die von möglichst vielen EuropaparlamentarierInnen unterzeichnet werden sollte, berichtet abschließend Gabriele Kienesberger, Koordinatorin der Allianz für den freien Sonntag Österreich.
-chr-


