Gegen Kälte. Energiearmut in Österreich

Cover Dossier Gegen Kälte> Dossier - Nummer 2012 09

Gegen Kälte. Energiearmut in Österreich 

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Inhalt

 

Einleitendes:

Sichtweisen:

Orte:

Ausblick:

 

 

Einleitendes:

 

Am Anfang: Energiearmut

In Österreich können 313.000 Menschen ihre Wohnung nicht angemessen warm halten. D.h. sie haben es unbehaglich, sie frieren, sie müssen gesundheitliche Folgen befürchten, können niemand zu sich einladen. Wie viele Menschen genau aufgrund von Stromabschaltungen auf helle Wohnungen verzichten müssen, Haushaltsgeräte nicht betreiben und daher vielleicht auch nicht kochen können, sagt die Statistik nicht. Wie viele Menschen sich fallweise oder als langfristige Überlebensstrategie zwischen Essen und Heizen entscheiden müssen, ebenfalls nicht. Wie junge Paare mit geringem Einkommen der Erfordernis von Babys und Kleinkindern nach besonders guter Wärmeversorgung begegnen, lässt sich nicht einfach in Zahlen messen. In wie vielen Fällen die Dringlichkeit, Wohnraum zu bekommen bzw. den vorhandenen um jeden Preis zu erhalten zum Erbantritt, Kauf oder Miete energieineffizienter Häuser und Wohnungen und in der Folge zu prekären Energiesituationen und Energieschulden führt, wissen wir auch nicht.

 

Stigma „KlimasünderIn“

 

Was wir allerdings wissen: Die aus ökologischen Gründen unabdingbare Reduzierung des Energieverbrauchs bzw. die
Knappheit mancher Energieträger werden zu weiteren Preisanstiegen führen. Die Folgen des Klimawandels werden auch in Österreich jene geografischen Zonen vergrößern, in denen extreme Kälte und extreme Hitze zunehmen und zusätzlichen Wärme- und Kühlbedarf mit sich bringen wird. Energieverteilungs- und nutzungsfragen werden zu gesellschaftlichen Konflikten führen, wobei die Gefahr besteht, dass von Armut betroffene und armutsgefährdete Menschen das zusätzliche Stigma der „KlimasünderInnen“ aufgedrückt bekommen und sie dafür diszipliniert werden.

Die Auseinandersetzung mit dem (in Österreich noch jungen) Thema Energiearmut ist sozusagen Präventionsarbeit, um gesellschaftliche Verwerfungen in dieser Form möglichst hintan zu halten. Die ersten vorliegenden Studien, die thoretischen Arbeiten, die konkreten Initiativen und Projekte leisten vor allem eines: Erfahrungen zu sammeln, Thesen zu bilden, Vergleiche mit anderen europäischen Ländern anzustellen, Definitionsarbeit zu machen und Maßnahmen zur Bekämpfung von Energiearmut zu identifizieren. Fundierten Einblick zu gewinnen in die verschiedenen Facetten von Energiearmut ist das, worum es jetzt in erster Linie geht. Es gibt die Armut, sich nicht ausreichend Energie leisten zu können ebenso, wie die Armut, keine verfügbaren Mittel für Investitionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energie zu haben und die Armut, von Informationszugängen in Sachen Energieversorgung- und Energiepolitik abgeschnitten zu sein bzw. von sozialen Innovationsprozessen in Sachen Energiewende und Klimagerechtigkeit ausgegrenzt zu sein. Soziale und ökologische Gerechtigkeit gehören zusammen.

Die Folgen von Armut, von „zu wenig“ lassen sich messen bzw. beschreiben. Das hat damit zu tun, dass im gesellschaftlichen Konsens die Folgen von Armut als unerwünschte, belastende Lebensumstände eingestuft werden. Etwa die enorme gesundheitliche Belastung durch in Folge von Baumängeln auftretenden Schimmel in Wohnräumen. Oder die Entbehrung heller, warmer Lernorte für Kinder. Solche Lebensumstände Einzelner haben messbare negative Folgen für die Gesamtgesellschaft – etwa durch zusätzliche Kosten im Gesundheitsbereich. Bei den individuellen oder gesamtgesellschaftlichen Folgen von Reichtum, von „zu viel“, ist das anders. So wie kein gesellschaftlicher Konsens darüber besteht – um ein geläufiges Beispiel aus der Literatur zur Reichtumsforschung zu wählen – welche negativen Folgen goldene Armaturen im Badezimmer haben, so besteht wohl auch gesellschaftliche Ratlosigkeit darüber, welche negativen Folgen für den Einzelnen bzw. für die gesamte Gesellschaft „elegante Lichtschalter mit einer Veredelung aus 24ct Gold oder 999/000 Silber, gefertigt von Juwelierhand in Antwerpen und auf Kundenwunsch auch mit einem Diamanten oder einem anderen Edelstein bestückt (Lichtschalter „Noble“ – Preis auf Anfrage)“ darstellen.

Dieses Lichtschalterobjekt mag eher nur ein weiteres Kuriosum sein, das zeigt, zu welchen Lebensstilblüten die herrschende Ungleichheit bei der Vermögensverteilung führen kann. Andere Folgen der Lebensstile einkommens- bzw. vermögensreicher Haushalte bezüglich des Zugangs zu energierelevanten Technologien und der Verteilung von Energieressourcen sind hingegen für das Thema Energiearmut sehr wohl relevant! Es ist gesellschaftlich keineswegs egal, ob nur bestimmte Gruppen Zugang zu Passivhaustechnologien und damit langfristig zu einem sinkenden Anteil der Energiekosten an den Haushaltsausgaben haben. Es ist nicht egal, dass ein Teil der Haushalte Energiepreissteigerungen fast jeden Ausmaßes schlucken kann, ohne Abstriche bei ihrem Energienutzungsverhalten machen zu müssen. Davon ausgehend, dass es schon in allernächster Zukunft gelingen muss, gesamtgesellschaftliche Bilanzen zu erreichen, die massive Reduktionen der CO2Emissionen, der Nutzung von fossiler Energie, etc. umfassen, ist es sozial- aber auch demokratiepolitisch abzulehnen, dass viele diesen bevorstehenden Wandel erleiden müssen und andere sich davon freikaufen können.

 

Die Perspektive der Betroffenen

 

Wie die ksoe im Rahmen der qualitativen Forschung für das Energie- und Klimafondsprojekt „Fuel overty“ (gemeinsam mit e7 – Energie Markt Analyse GmbH) zeigen konnte, sind von Energiearmut betroffene Menschen handelnde Subjekte, die ihre eigenen Vorstellungen, Kenntnisse und Handlungsansätze haben, wie sie mit ihrer Situation zurecht kommen. Die Perspektive der Betroffenen ist essentiell für die Lösung anstehender gesellschaftlicher Probleme und politisch Verantwortliche, WissenschaftlerInnen und Projekt trägerInnen müssen darauf abstellen, diese Perspektive genauso einzubeziehen wie – was fast wie ein Naturgesetz passiert – die Perspektive der gesellschaftlichen Eliten. Wie unterschiedlich dies derzeit versucht wird und gelingt, auch das zeigen die Beiträge in diesem Dossier.

 

SICHTWEISEN

Frau Müller gibt im Gespräch Einblick in ihre Erfahrungen und ihr persönliches Erleben von Armut, speziell von Energiearmut.


Paloma Fernández de la Hoz und Margit Appel präsentieren einige Forschungsergebnisse aus den Interviews mit SozialberaterInnen und Betroffenen.

 

Thomas Berger liefert in seinem Artikel einen Überblick über die Definitionsarbeit zu Energiearmut im europäischen Vergleich und schildert die Genese der Forschung speziell für Großbritannien.

 

Soziale Ungleichheit wird auch im Umgang mit Energie sichtbar. Anja Christanell und Karl-Michael Brunner beschreiben ihre Forschungsergebnisse aus dem Projekt NELA, zum Zusammenhang zwischen nachhaltigem Energieverbrauch und sozial differenzierten Lebensstilen.

 

Wohnen und Energiezugang sind existenzielle und soziale Grundbedürfnisse jedes Menschen. Wie in Österreich die Unterstützungsleistungen ausschauen, um allen Menschen diese Bedürfnisse zu sichern, arbeitet Christina Friedl in ihrem Beitrag auf. In Österreich gibt es noch keine langjährigen Erfahrungen im Umgang mit Energiearmut.

 

Georg Benke und Stefan Amann stellen eine Reihe von politischen Handlungsempfehlungen vor, die das Ziel haben, gegen Energiearmut zu wirken bzw. ihre negativen Auswirkungen zu minimieren.

 

ORTE

 

Die Beiträge zu den gesellschaftlichen Orten eröffnet Christiane Maringer mit der Präsentation des Konzepts der Energiegrundsicherung.


Verena Fabris stellt Erfahrungen mit der Kampagne der Volkshilfe Österreich vor, die provokant Armut, auch Energiearmut, als „Made in Austria“ adressiert.

 

Zum Zusammenhang von Klimawandel und Energiearmut liefert die Redaktion einige Leseempfehlungen.

 

Mit dem Ziel einer Photovoltaik-Anlage „auf jedes Kirchendach“ startete eine Gruppe von BürgerInnen ihre Aktivitäten. Gerhard Zulehner zieht Bilanz.

 

Die Caritas Tirol bildet in einem gemeinsamen Projekt mit der Tiroler Wasserkraft AG und den Innsbrucker Kommunalbetrieben EnergiesparhelferInnen aus. Gertraud Gscheidlinger präsentiert dieses für Innsbruck und Telfs angesetzte Projekt.

 

Beim Stromspar-Check wird ein in Deutschland erprobtes Beratungsmodell nun auch in der Schweiz und in Vorarlberg umgesetzt. Claudio Tedeschi schildert den Beitrag dieses Projekts zur Ökologie und zur Stärkung der sozialen Kompetenz einkommensschwacher Haushalte.

 

Energie-CheckerInnen beraten Menschen am Schöpfwerk in Wien. Werner Hofer stellt diese Tätigkeit genauer vor.


-red-

 

36 Seiten, A4, Euro 5 plus Porto 

 

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Linktipp (für SozialarbeiterInnen und Sozialeinrichtungen): www.fuelpoverty.at

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