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16.10.2025
Sebastian Thieme und Markus Schlagnitweit
Vergesst die Armen nicht!
Zum Vorhaben einer EU-Strategie zur Bekämpfung von Armut
Die Kommission der Europäischen Union hatte im Juli 2025 die Bürgerinnen und Bürger, Fachleute und Organisationen der Europäischen Union dazu ermuntert, sich in einem Konsultationsprozess an der Gestaltung der ersten EU-Strategie zur Bekämpfung von Armut zu beteiligen. Bis Oktober 2025 war Zeit, sich der Beantwortung eines umfassenden Fragebogens und mit Beiträgen zu Ursachen und Wahrnehmung von Armut und zur beabsichtigten EU-Strategie zur Armutsbekämpfung zu äußern. Auch die Katholische Sozialakademie Österreichs (ksœ) hat sich an diesem Konsultationsprozess beteiligt – mit der Beantwortung des Fragebogens und einer Stellungnahme zur beabsichtigten EU-Strategie zur Bekämpfung von Armut. Nachfolgend der leicht modifizierte Wortlaut dieser Stellungnahme, die nicht nur die geplante EU-Strategie kommentiert, sondern auch klarstellt, wie Armut im Sinne der Katholischen Soziallehre zu verstehen ist.
Armut ist ein Zustand, in dem Menschen nicht oder kaum in der Lage sind, sich selbst zu helfen – der sich charakterisiert aus permanenter Existenzangst und der Sorge um sich und die Nächsten. Armut bedeutet einen Mangel an materiellen Dingen wie Essen, Trinken, gutem Wohnraum und Geld. Das kann sich in Mangelernährung und Krankheit niederschlagen. Und tatsächlich, arme Menschen sind öfters krank. Aber Armut erschöpft sich nicht allein in materiellen Dingen, sondern steht auch für den Mangel an Möglichkeiten zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen, der Mobilität, Selbsthilfe, Selbstwirksamkeitserfahrung und Selbstbestimmung. Armut beschreibt die Barrieren, die Menschen daran hindern, als vollwertige Mitglieder einer Gesellschaft an eben dieser teilzunehmen und teilzuhaben. Unter Armut droht soziale Isolation und Desintegration. Arme Menschen haben auch nicht die gleiche Chance auf gute (Aus-) Bildung und Arbeit. Darüber hinaus wird Armut von den Betroffenen auch häufig als sozialer Liebesentzug, als Entzug von Anerkennung und Respekt erlebt: Wer arm ist, sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, selbst an der Situation schuld zu sein und anderen auf der Tasche zu liegen. Kurz gesagt ist Armut ein menschenunwürdiger Zustand – und zwar in mehrfacher Hinsicht:
- Armut steht für die Verletzung der Menschenwürde, die auch den von Armut betroffenen Menschen bedingungslos zusteht.
- Aber Armut markiert auch ein Vergehen an der eigenen Menschenwürde, denn es ist gegenüber der eigenen Menschenwürde unwürdig, Armut zu billigen, zuzulassen oder zu ignorieren.
Die Katholische Sozialakademie Österreichs (ksœ) begrüßt deshalb ausdrücklich und mit Nachdruck das Vorhaben einer EU-Strategie zur Bekämpfung von Armut. Denn dieses Ziel, die Armut zu bekämpfen, ist eines der zentralen Anliegen der Katholischen Soziallehre, der wir uns als ksœ verpflichtet sehen; das abgeleitete Sozialprinzip der „Vorrangigen Option für die Armen“ legt ein deutliches Zeugnis darüber ab. Die zentrale Bedeutung der Hinwendung zu den Armen für den christlichen Glauben bekräftigte Papst Leo XIV. kürzlich in seiner Lehrschrift Dilexi te: „Die Sorge für die Armen ist Teil der großen Tradition der Kirche“, heißt es dort, begleitet von dem Hinweis, dass „[d]as Elend so vieler Menschen, deren Würde negiert wird, [..] ein ständiger Appell an unser Gewissen sein“ muss. Papst Leo XIV. macht dort darauf aufmerksam, dass Armut kein einheitlicher Zustand ist, sondern Armut „äußert sich in vielfältigen Formen wirtschaftlicher und sozialer Verarmung und spiegelt das Phänomen wachsender Ungleichheit auch in allgemein wohlhabenden Lebensumfeldern wider“. Der Papst nennt in dieser Hinsicht auch das Phänomen der kulturellen und existenziellen Verarmung.
Daher erachten wir es als richtig und wichtig, dass auch auf der Ebene der EU mit der angestrebten Strategie neue Impulse für die Armutsbekämpfung gesetzt werden sowie eine Orientierungshilfe und ein Rahmen für die Koordinierung auf EU-Ebene angestrebt wird, um die EU-Länder bei der Umsetzung ihrer nationalen Armutsstrategien zu unterstützen. Der Weg, darüber zunächst in einer offenen – öffentlichen – Konsultation die Bürgerinnen und Bürger der EU sowie zivilgesellschaftliche Organisationen (NGOs usw.) einzubinden, setzt ein erfreuliches Zeichen des Dialogs, von dem zu hoffen und zu wünschen ist, dass sich die dort gewonnenen Einsichten auch in den weiteren Entscheidungsprozess einzuschreiben vermögen.
Armut ist ein komplexes Phänomen. Wer Armut angemessen thematisieren und adressieren will, muss unterschiedliche Facetten betrachten. Dem wird der Fragebogen, mit dem sich die EU im Konsultationsprozess an die Öffentlichkeit wendet, durchaus gerecht: Er enthält viele Überlegungen und verschiedene Maßnahmen, die sinnvoll erscheinen (etwa die Verbesserung des Umfangs von Sozialleistungen, besseren Zugang zur Bildung usw.). Ausdrücklich positiv hervorzuheben sind etwa die Vorhaben, die von Armut betroffenen Menschen und ihre Bedürfnisse einzubeziehen – das ist aus unserer Sicht ein wesentliches Element des respektvollen und würdevollen Umgangs mit von Armut betroffenen Menschen: Es ist ein wesentlicher Schritt für eine effektive Hilfe zur Selbsthilfe, die nicht über Betroffene hinweg bestimmt, sondern die Mittel der Hilfe mit den Betroffenen abstimmt. In diesem Sinne ist auch die Berücksichtigung der persönlichen Umstände (z. B. Behinderung) zu nennen, was zum Anlass genommen werden könnte, das Prinzip der Einzelfallprüfung bei der Gewährung von Sozialtransfers zu stärken. Dennoch gibt es einzelne Punkte im Fragebogen und im Vorhaben selbst, die eines Hinweises, einer Konkretisierung oder einer Ergänzung bedürfen:
- Es ist daran zu erinnern, dass Artikel 1 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union die Würde des Menschen ins Zentrum stellt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist zu achten und zu schützen“, heißt es dort. Das sollte auch dezidiert der Ausgangspunkt der EU-Strategie zur Bekämpfung der Armut in der EU sein und dort so unmissverständlich wie wortwörtlich an erster Stelle stehen: Jeder Mensch hat Würde (Art. 1). Aus diesem Grunde ist Armutsbekämpfung auch immer als Hilfe zur Selbsthilfe zu verstehen, als Unterstützung, die den Betroffenen die Würde gibt, sich – selbstbestimmt – selbst helfen zu können. Das sollte die unmissverständliche Richtschnur der Strategie zur Armutsbekämpfung in der EU sein. Die Menschenwürde sollte als regulative Idee – als handlungsleitende Norm – der Armutsbekämpfung sehr deutlich und unmissverständlich nach außen getragen werden. Sie sollte den EU-Staaten bei der Umsetzung ihrer Armutsbekämpfungsstrategien eine entsprechende Orientierung geben.
- Ein großer Teil der im Fragebogen vorgeschlagenen Maßnahmen zielt auf die Erwerbsarbeit ab als Mittel, um der Armut zu entrinnen. Das hat in arbeitsteilig organisierten Gesellschaften seine Berechtigung. Aber aus diesem Grunde sollte sich die Armutsstrategie auch deutlich zu dem Ziel bekennen, die EU-Mitgliedstaaten dabei zu unterstützen, ein Recht auf Arbeit zu verwirklichen – und zwar über die EU-Sozial-Charta hinausgehend darin, dass menschenwürdige Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden. Mit den österreichischen Projekten wie der Jobgarantie Marienthal in Gramatneusiedl oder der Aktion 20.000 gibt es bereits Vorschläge, wie sich das umsetzen lässt.
- Der Fragebogen adressiert den Umstand, dass Armut auch durch verschiedene Diskriminierungsformen bedingt sein kann. Vor diesem Hintergrund wäre es wünschenswert, wenn die EU-Strategie zur Bekämpfung von Armut um einen Bildungsaspekt ergänzt würde, der auf der Ebene der Schulen, aber auch der akademischen Ausbildung (Hochschulen) für die negativen Narrative über Arme (selbstverschuldete Armut, potenziell zum Sozialbetrug neigend usw.) und die negativen Stereotype (welfare queen, deadbeat dad, Florida-Rolf usw.) sensibilisiert und darüber aufklärt.
- Es wäre wünschenswert, wenn die EU-Strategie alle EU-Mitgliedsländer auf EU-Ebene zu einer regelmäßigen Berichtserstattung der Situation der Armut und des Reichtums ermuntert und dazu entsprechende Ressourcen zur Verfügung stellt. Armuts- und Reichtumsberichte sollten zum selbstverständlichen Gesundheitscheck der Gesellschaften in der EU werden.
- Fragen der Armut sind auch Fragen der Gerechtigkeit: Es geht um Würde, die subsidiäre Hilfe zur Selbsthilfe, Solidarität, Mitgefühl mit den Nächsten und Verteilungsfragen. In diesem Kontext erscheint es sinnvoll, verstärkt genau diese Gerechtigkeitsfragen auch im Armutskontext anzuvisieren und zu diskutieren. Das könnte erstens bedeuten, es zu fördern und zu unterstützen, stärker als bislang in einen öffentlichen Diskurs über solche Gerechtigkeitsfragen zu treten. Gerechtigkeit und Gerechtigkeitsfragen müssen stärker Thema in den Schulen, aber auch in den Medien und der Forschung werden. Dazu würde aber zweitens auch gehören, die EU-Mitgliedsstaaten dabei zu unterstützen, die Ethik-Kompetenz in der Gesellschaft zu stärken, nötigenfalls aufzubauen und zu kultivieren. Im Detail könnte das bedeuten, in der schulischen Bildung und der akademischen Ausbildung verstärkt Grundlagen der Ethik zu vermitteln.
- Wenn Armut als Phänomen in der EU begriffen und bekämpft werden soll, muss der Stellenwert, welcher der „wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit“ innerhalb der EU beigemessen wird, einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Wettbewerb und Wirtschaft sind kein Selbstzweck, sie haben dem Menschen zu dienen! Stehen die EU-Länder in Konkurrenz zueinander, stehen auch die Chancen auf ein nationales Nullsummenspiel der Armut gut: Die Problematik der Armut würde lediglich von einem Land auf ein anderes verlagert. Das kann nicht Sinn einer nachhaltigen Strategie zur Armutsbekämpfung sein. Das gefährdet die Solidarität und den sozialen Frieden der EU-Länder untereinander. Die Bekämpfung von Armut ist demnach auch eine Frage der Solidarität und Kooperation unter den EU-Mitgliedsstaaten. Die EU-Strategie zur Armutsbekämpfung sollte das im Auge behalten und Solidarität sowie sozialen Frieden in der EU nicht einem Wettbewerbsdogma unterordnen. Die EU-Strategie sollte vor allem dazu anregen, Vorschläge zu erarbeiten, wie die Solidarität zwischen den EU-Mitgliedsstaaten intensiviert und gefördert werden kann.
Bei diesen wenigen Einlassungen wollen wir es vorerst belassen und nochmals bekräftigen, dass wir das Ansinnen einer EU-Strategie zur Armutsbekämpfung begrüßen und unterstützen. Wir hoffen und wünschen uns sehr, dass der angestrebte Konsultationsprozess zu einer erfolgreichen EU-Strategie führen wird.
Die Katholische Sozialakademie Österreichs im Oktober 2025.
Zu den Autoren:
Markus Schlagnitweit ist Theologe, Sozial- und Wirtschaftsethiker und Direktor der ksœ.
Sebastian Thieme ist Sozialökonomiker & Wirtschaftsethiker und wissenschaftlicher Referent für Ökonomie. Im Jänner 2026 erscheint sein neues Buch "Wohlstand zwischen Wachstum und Ungleichheit. Ethische Perspektiven auf Wirtschaft und Gesellschaft"




