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Jugendliche am Smartphone

 


Bernadette Varga und Rafael Haigermoser

SOZIALE Netzwerke und Wege dorthin

 

Seit einiger Zeit wird viel über ein Social-Media-Verbot für Jugendliche diskutiert. Bevor wir unsere Sicht zu dieser Maßnahme erklären, möchten wir zuerst einmal darüber nachdenken, wie eine ideale Social-Media-Landschaft aussehen würde. Deswegen laden wir Sie zu Beginn ein, über folgende Fragen kurz nachzudenken:

  • Was schätze ich an sozialen Medien?
  • Von welchen Inhalten möchte ich gerne mehr sehen?
  • Haben mir Online-Diskussionen schon einmal neue Perspektiven eröffnet?
  • Durch welche Maßnahmen würde ich mich auf Social-Media-Plattformen wohler fühlen?

Utopie
Für uns würde eine ideale Social-Media-Landschaft folgendermaßen aussehen: Im Gegensatz zu den meisten aktuellen Plattformen steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht der Profit. Weiters besteht die Landschaft aus dezentralen Systemen, in denen die Software bereitgestellt wird, die einzelnen Online-Räume jedoch durch verschiedene Institutionen, seien dies Vereine, Diözesen, Bildungseinrichtungen, usw., betreut und moderiert werden. Die in den Online-Räumen geltenden Regeln werden von den jeweiligen Institutionen festgelegt und durchgesetzt. Zu diesem Zwecke gibt es in jedem Raum (ehrenamtlich) moderierende Personen, die gut ausgebildet sind und in ihrer Tätigkeit, wenn notwendig, professionell unterstützt werden, um mit belastenden Inhalten gut umgehen zu können. Damit geht auch ein Grad an Verantwortung für die Moderierenden einher: Sie stellen sicher, dass die vorher festgelegten Regeln innerhalb ihrer Sphäre eingehalten werden und legen fest, welche Inhalte in dem Raum Platz finden, um diesen auch für junge Menschen sicher zu gestalten.

Diese Räume sind jedoch nicht in sich geschlossene Entitäten ohne Kontakt zu anderen – die Kommunikation zwischen verschiedenen Räumen läuft in unserer idealen Online-Landschaft so wie der Kontakt zwischen verschiedenen E-Mail-Servern. Dies entspricht einerseits dem Prinzip der Subsidiarität, bei dem Verantwortung an kleinere Einheiten abgegeben wird, andererseits sehen wir, dass dies in der analogen Welt gut funktioniert. Die oben genannten Institutionen stellen jetzt schon Infrastruktur zur Verfügung, in der Ehrenamtliche Begegnung und Austausch ermöglichen.


Die Finanzierung sollte ähnlich wie beim öffentlichen Rundfunk bewerkstelligt werden. Das hat sich bei anderen Medien schließlich schon bewährt. Durch diese Finanzierung sind die Räume von großen Unternehmen und Anderen, die auf sie Einfluss nehmen wollen, unabhängig. Das eingenommene Geld führt nicht zu Profit der Plattform, sondern wird wiederum in den Raum investiert. Durch diese Beiträge werden neben den Moderierenden, deren Ausbildung, der für sie
bereitgestellten psychologischen Unterstützung und der technischen Infrastruktur auch einige Content Creator bezahlt. Bei diesen bezahlten Beiträgen wird auf den Inhalt, geachtet. Der Wert der Beiträge wird durch die Qualität der Inhalte festgelegt, nicht anhand der Reichweite des Beitrags oder der Polarisierung, die dieser entfacht.

 

Wie kommen wir dorthin?
Um sich dieser Utopie anzunähern, bedarf es einiger Maßnahmen, die durch politische Entscheidungen ermöglicht werden müssen. Ein Verbot für Jugendliche würde uns diesem Ziel nicht näherbringen. Anstatt jungen Menschen den Zugang zu Plattformen zu verbieten, sollten sie in ihrer Nutzung begleitet werden. Das Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre, das die Unterstützung, sich selbst zu helfen, fordert, stellt einen guten Grundstein für diesen Ansatz dar.


Daher braucht es soziale Netzwerke, denen es nicht um den Profit geht, den sie mit den Nutzenden generieren können, sondern um die Nutzenden selbst.
Weiters braucht es eine Bildung der Medienkompetenzen, die in der Schule, aber auch in Vereinen und der Familie vermittelt werden sollte. Um diese Kompetenzen qualifiziert an Jugendliche vermitteln zu können, müssen Lehrkräfte, Jugendgruppenleitende und Eltern entsprechend ausgebildet beziehungsweise unterstützt werden. Dieser Schritt kostet Geld, Zeit, Geduld und mehr, ist aber notwendig, um junge Menschen zu gutem Umgang mit sozialen Medien und Netzwerken zu befähigen und Erwachsenen die Fähigkeit zu geben, die Jugendlichen darin zu unterstützen.


Nachteile der Alterskontrolle
Im Gegensatz zu den vorgeschlagenen Maßnahmen birgt eine Alterskontrolle einige Gefahren für Jugendliche im Netz:

  • Die Plattformen werden durch diese Maßnahmen für die zugelassenen Jugendlichen nicht sicherer. Unter diesen Umständen sind sie mit dem Umgang mit problematischen Phänomenen auf Social Media Plattformen, wie beispielweise Hass im Netz oder dem Suchtpotential, das von diesen Plattformen ausgeht, weiterhin auf sich alleine gestellt.
     
  • Durch den offiziellen Ausschluss bestimmter Altersgruppen von sozialen Netzwerken könnte es zu geringerem Jugendschutz auf diesen Plattformen kommen. Dies ist nicht nur problematisch in Fällen, bei denen durch unzuverlässige Alterskontrolle zu junge Menschen Zugang zu den Seiten erlangen, sondern auch für die Jugendlichen, die sich altersmäßig an der unteren zugelassenen Grenze aufhalten. Es besteht die Gefahr, dass diesen jungen Menschen nicht der benötigte Schutz zukommt.
     
  • Einen weiteren problematischen Punkt in Bezug auf ein Mindestalter für die Benutzung bestimmter Plattformen stellt die Art der Alterskontrolle dar. Eine potentielle Möglichkeit, das Alter der Nutzenden festzustellen, wäre eine Ausweispflicht im Netz. Je nach Umsetzung einer solchen neuen Pflicht würde der Aspekt der Anonymität gänzlich wegfallen. In einigen Fällen kann dieser Verlust von Anonymität von Vorteil sein, zum Beispiel mit Blick auf Online-Kriminalität und Belästigung im Netz, es kann aber auch eine Gefahr darstellen. In Diktaturen ist diese Anonymität oft ein wichtiger Schutz für Demonstrierende, die sich gegen die Regierung auflehnen möchten. Ein Beispiel dafür sind die Proteste im Iran. Wir sollten in Europa Diktaturen nicht beim Aufbau solcher Überwachungsmaßnamen unterstützen, sondern im Gegenteil Infrastruktur zur Verfügung stellen, die hilft, Demokratie zu erkämpfen.

 


Zu den Autor:innen: 

Bernadette Varga ist Referentin für Jugendpastoral und Rafael Haigermoser ehrenamtlicher Vorsitzender der Katholischen Jugend. Die Katholische Jugend ist die offizielle Jugendorganisation der römisch-katholischen Kirche in Österreich und gestaltet die kirchliche Jugendarbeit. Dieser Auftrag bezieht sich auf Jugendliche ab der Firmvorbereitung bzw. ab dem 14. Lebensjahr und reicht bis zu den jungen Erwachsenen.

 

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