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Doris Pettighofer und Julia Neider
Alleinerziehend: Eine Familienform, die unserer aller Anerkennung verdient
Vor nicht ganz 40 Jahren gründete sich die Österreichische Plattform für Alleinerziehende, kurz ÖPA. Federführend waren engagierte Frauen, die selbst geschieden, verwitwet oder alleinerziehend waren. Ihr Anliegen war es, gemeinsam für ihre Selbstbestimmung aufzustehen und Gleichstellung für ihre Familienform einzufordern: Sie wollten ihr Leben nicht weiter in Armut führen und als Familie anerkannt sein. Einen besonderen Stellenwert hatten dabei ihre Kinder, denn deren Zukunftschancen zu sichern, war und ist für Alleinerziehende besonders wichtig. Getragen wurde die Gründung unserer Organisation durch die Katholische Frauenbewegung, die Evangelische Frauenarbeit und das Forum Beziehung, Ehe und Familie. Sie sollten als österreichweites Netzwerk die Interessen der Alleinerziehenden und getrennt lebenden Familien auf Bundes- und Länderebene vertreten. Aus diesem Engagement ist heute ein österreichweites Netzwerk mit 24 Mitgliedsorganisationen geworden. Vieles wurde in Bezug auf die Gleichstellung mit allen Familienformen erreicht, Benachteiligungen gibt es aber nach wie vor und aktuelle Krisen verschärfen die Situation Alleinerziehender und ihrer Kinder erneut.
Soziale Gerechtigkeit im Mittelpunkt
Rund 85 % und somit der Großteil der Familien mit minderjährigen Kindern leben mit beiden Eltern in einem Haushalt zusammen. Paarfamilien gelten nach wie vor als Norm und entsprechend richten sich familienpolitische Maßnahmen danach aus. Das heißt aber gleichzeitig, dass bis zu 15 % Alleinerziehende und getrennt lebende Familien zu berücksichtigen sind. In ihren vielfältigen Formen unterscheiden sie sich in ihrer Lebensführung mitunter sehr stark: Für die Kinder gibt es nach der Eltern-Trennung meist zwei Wohnsitze, unter Umständen „neue“ Elternschaften wie in Patchworkfamilien, auf jeden Fall veränderte Lebensunterschiede. Dazu kommen mitunter konflikthafte Beziehungen der nun getrennten Eltern, und meist auch finanzielle Probleme durch ein geringeres Erwerbseinkommen im jeweiligen Haushalt. 44 % der Alleinerziehenden sind zudem von Armut bedroht.
Die Ausrichtung politischer Maßnahmen an der Normfamilie ist verständlich, aber nicht genug. Denn was in Paarfamilien problemlos funktioniert und gut wirkt, kann bei getrennt lebenden Familien zusätzliche Belastungen hervorrufen, die Wirkung der Maßnahme schmälern und sogar Konflikte auslösen. Um Benachteiligungen einzelner Familienformen zu verhindern, könnte eine „Familienverträglichkeitsprüfung“ für neue Gesetze enorm helfen.
Ein Beispiel für ungleiche Auswirkungen ist etwa der Familienbonus. In Paarfamilien mit einem gemeinsamen Haushalt bedeutet die Aufteilung meist keinen großen Aufwand.
Getrennt lebende Eltern brauchen für eine optimale Inanspruchnahme eine Abstimmung zwischen zwei Haushalten und unterschiedlichen Lebensführungen. Das führt mitunter zu erheblichen Konflikten, hohen Rückzahlungen an das Finanzamt oder gerichtlichen Auseinandersetzungen.
Und genau hier setzt die ÖPA in ihrer Arbeit an:
Wir bringen unsere Expertise in unterschiedlichen ministeriellen Arbeitsgruppen ein und stehen in gutem Austausch mit politischen Entscheidungsträger*innen. Aus der Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedsorganisationen und diversen Vernetzungen sowie aus jährlich über 500 Anfragen und Gesprächen von und mit Alleinerziehenden erfahren wir, wo die Herausforderungen für die Familien liegen. Und wir sehen, dass ein gut ausgebauter Sozialstaat hilft, diese zu mildern, sowie welche Unterstützungsmaßnahmen besonders wirksam sind und wo Verbesserungsbedarf besteht.
Die Krisen der vergangenen Jahre, allen voran die Teuerungen, erforderten jedoch einen massiven Ausbau von Unterstützungsangeboten für Alleinerziehende und ihre Kinder ergänzend zu sozialstaatlichen Leistungen. Mit unseren Projekten Entlastende Dienste und Schnelle Hilfen können wir mit unseren Mitgliedsorganisationen wirksame Unterstützungsangebote für Kinder und Eltern anbieten. Diese wirken weit über den persönlichen Beratungsbereich hinaus und umfassen viele Angebote, die auch Austausch unter den Familien und Selbstwirksamkeit fördern. Sie helfen Einsamkeit vorzubeugen, stellen ergänzende flexible Kinderbetreuung bereit und ermöglichen Kindern aus Familien mit sehr wenig Geld Nachhilfestunden, um den Anschluss an die Bildung nicht zu verlieren.
Aus Sicht der ÖPA sind der Ausbau und die Sicherung sozialstaatlicher Leistungen der Schlüssel, um Alleinerziehende vor Armutsgefährdung zu bewahren und Kindern gerechte Startchancen zu ermöglichen. Die menschenwürdige Ausgestaltung der Sozialhilfe und Mindestsicherung, die den Einstieg in das Erwerbsleben ermöglicht, ohne dass die Kosten für Kinderbetreuung und Lebenserhaltung überdimensional steigen, sowie eine existenzsichernde Ausgleichszulage und der Erhalt des Alleinerziehenden-Status auch bei volljährigen Kindern in Ausbildung sind keine Almosen, sondern Grundpfeiler eines gerechten Systems.
Als positives Beispiel ist hier sicher der 60-Euro-Kinderzuschlag pro Kind für Familien mit geringen Einkommen zu nennen. Er wird automatisch ausbezahlt, wenn der Bedarf in den Steuerdaten sichtbar wird. Die Antragstellung belastet nicht zusätzlich und er steht unabhängig von der Familienform zur Verfügung. Er gibt vor allem den Müttern das Gefühl, dass sie und ihre Herausforderungen gesehen werden. Der Zuschuss ist als Antwort auf die Teuerungen der letzten Jahre zu sehen und wurde 2025 in das Dauerrecht übergeführt.
Anerkennung und Wertschätzung der Familienform
Ein positiver und wertschätzender Blick auf Alleinerziehende und ihre Kinder ist enorm wichtig, um Benachteiligungen weiter zu reduzieren. Die öffentliche Debatte über Alleinerziehende nimmt dabei einen hohen Stellenwert ein. Wenn etwa von Entscheidungsträger*innen behauptet wird, Alleinerziehende würden „bis zu 1.000 Euro pro Kind“ erhalten, klingt das zunächst nach einer außergewöhnlichen Sonderleistung. In der Praxis setzt sich eine solche Summe aus verschiedenen Familien- und Sozialleistungen zusammen, die grundsätzlich auch anderen Familien beziehungsweise ihren Kindern zustehen. Wechselwirkungen und tatsächliche Inanspruchnahmen bleiben dabei außen vor. Das Problem ist nicht nur die Darstellung. Es entsteht ein falsches Bild: Alleinerziehende erscheinen als besonders großzügig unterstützte Leistungsempfänger*innen – und nicht als Mutter oder Vater, die bzw. der den Familienalltag unter besonderen Bedingungen organisiert und von einer hohen Armutsgefährdung bedroht ist. Anerkennung der Familienform bedeutet nicht, Alleinerziehenden Privilegien zu geben, sondern sie als gleichwertig anzuerkennen, ihre Leistungen für die Gesellschaft ausreichend zu würdigen und diese Würdigung in der Ausgestaltung des Sozialstaates sichtbar zu machen.
Ein gut ausgereiftes Familienrecht ermöglicht verantwortungsvolle Elternschaft
Das Familienrecht spielt eine entscheidende Rolle. Die ÖPA plädiert für eine Harmonisierung familienrechtlicher Regelungen mit Sozialleistungen, leistbare Beratung bei Trennungen und eine Stärkung des Gewaltschutzes. Hier geht es um die Würde aller Beteiligten, besonders der Kinder. In Amoris laetitia, Nr. 245, schreibt Papst Franziskus ausdrücklich, dass auch nach einer Trennung das Wohl der Kinder im Mittelpunkt stehen muss. Transparente Verfahren, gut ausgebildete Richterinnen und Richter sowie der Einsatz deeskalierender Maßnahmen entsprechen dem Recht auf ein faires und menschliches Miteinander – Werte, die für eine solidarische Gesellschaft zentral sind.
Das Fazit: mehr Gerechtigkeit und Solidarität
Was Alleinerziehende brauchen:
Alleinerziehende fordern keine Sonderstellung ein. Sie fordern, dass ihre Familien nicht strukturell benachteiligt werden. Sie fordern, dass ein Kind nicht weniger Chancen bekommt, weil seine Eltern getrennt leben. Sie fordern leistbare Kinderbetreuung, soziale Sicherheit und ein Familienrecht, das Elternverantwortung unterstützt.
Alleinerziehende als vollwertige Familien anzuerkennen, ist kein Luxus, sondern eine Investition in die Zukunft. Unsere Forderungen sind kein Plädoyer für eine Randgruppe, sondern für eine Gesellschaft, die ihre Schwächsten nicht zurücklässt. In diesem Sinne verbinden sie praktische Lösungen mit den ethischen Grundsätzen von Würde, Solidarität und des Gemeinwohls. Sie sind keine abstrakten Ideale, sondern Leitlinien für eine Politik, die allen dient. Und Gerechtigkeit bedeutet nicht, allen Familien exakt dasselbe zu geben. Gerechtigkeit bedeutet, unterschiedliche Ausgangslagen so zu berücksichtigen, dass faire Chancen entstehen. Es liegt an uns allen, diese Vision mit Leben zu füllen.
Zu den Autorinnen:
Doris Pettighofer ist Geschäftsführerin der ÖPA, im Koordinationsteam der Armutskonferenz und arbeitet seit über 30 Jahren ehrenamtlich und hauptamtlich für die Verbesserung der Situation Alleinerziehender und ihrer Kinder.
Julia Neider arbeitet seit 2017 bei der ÖPA. Sie leitet das Projekt „Entlastende Dienste“ und ist auch für Öffentlichkeitsarbeit und Publikationen verantwortlich.




