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Blogbeitrag von Klaus Ottomeyer
Rechtspopulismus auf der (Freud'schen) Couch
Man darf sich unser geplagtes Ich wie eine Person vorstellen, die in einer nicht immer freundlichen Umwelt mit wechselndem Erfolg um Wirksamkeit und Freiheitspielräume ringt. Manchmal ist diese Figur mutig und zuversichtlich, und manchmal hat sie große Angst, bis hin zur Lähmung. Über Angst wird derzeit viel geredet, manchmal auch Unsinn. Angesichts der multiplen Krisen und Problemfelder Klimawandel, Massenmigration, Gesundheitsversorgung, einer gefährdeten demokratischer Kultur und militärischer Unsicherheit reden die einen Expert*innen davon, dass „Angst kein guter Ratgeber“ ist. Die anderen rufen dazu auf, endlich eine angemessene Angst zu haben und die „Ängste der Menschen ernst zu nehmen“. Alle demokratisch-liberalen Diskussions-Teilnehmer*innen scheinen sich einig darin zu sein, dass die um sich greifende Verlustangst dazu führt, dass immer mehr Menschen den rechtsextremen und neo-cäsaristischen Rattenfängern folgen. Das ist aber nicht zwingend. Wie funktioniert die rechtsextreme Verführung?
Laut Freud haben die Menschen drei große Ängste, mit denen wir, ob wir wollen oder nicht, umgehen müssen: Die erste ist die lebenserhaltende und möglichst faktenbasierte Realangst, die Angst vor Krankheit, Gebrechen, vor einem tödlichen Unfall, vor Unwettern, Lawinenabgängen usw. Die zweite ist die neurotische Angst, die Angst vor uns selbst, vor den eigenen inneren Regungen und den monströsen Kreaturen in uns, die wir mit einer Vielzahl von Abwehrmechanismen in Schach halten, aber gerne auch auf äußere Figuren und Verfolger projizieren, um sie dort zu bekämpfen. In allen autokratischen Regimen finden wir eine geradezu paranoide Verfolgung von queeren Regungen, der „Gender-Ideologie“ und angeblich dekadenten äußeren Personen, die uns etwas antun wollen. Die dritte große Angst ist nach Freud die Angst vor unserem Über-Ich, die Gewissensangst. Diese Angst lässt uns manchmal schlecht schlafen. Und es ist recht aufwändig, sie niederzuhalten oder zu verdrängen. Damit sind auch noch die beschäftigt, die uns auf den ersten Blick als asoziale und erfolgreiche Egoisten erscheinen. Die Kirche hat mit der Beichte Rituale geschaffen, das quälende Gewissen immer wieder zu beruhigen. Der Ablasshandel war zeitweise ein erfolgreiches Geschäftsmodell.
Freud hat in einer Vorlesung von 1932 gesagt, dass wir bis zum Lebensende in dem Stück „Diener dreier Herren“ spielen, das manchmal eher an eine Komödie und manchmal eher an eine Tragödie erinnert. »Wenn das Ich seine Schwäche eingestehen muss, bricht es in Angst aus, Realangst vor der Außenwelt, Gewissensangst vor dem Über-Ich, neurotische Angst vor der Stärke der Leidenschaften im Es«. (S. 515) Angesichts dieser dreifachen Gefahr kann man, so Freud, »verstehen, warum wir so oft den Ausruf nicht unterdrücken können: Das Leben ist nicht leicht!« (Hvg. K.O.)
Der Rechtsextremismus bringt angesichts dieser schweren dreifachen Last erst einmal eine große Erleichterung in das Leben seiner Anhänger*innen.
Gewissensangst: Der Führer nimmt den Followern die Last eines individuellen Gewissens ab, das Gewissen darf ab jetzt ausgelacht werden. Es wird zu einer Sache für „Gutmenschen“ oder die Befürworter*innen von „Wokeness“, die man nicht mehr braucht. Der Führer kann an die Stelle des Gewissens treten. Die neue Religion ist der nationale und persönliche Egoismus.
Realangst: Teile der bedrohlichen Realität werden nach dem Vogel-Strauß-Prinzip schlichtweg verleugnet, wie z. B. mit dem Trump-Dekret von Mitte Februar 2026, welches regierungsamtlich verkündet, dass eine Umwelt-Gefährdung durch industrielle Emissionen und Abgase gar nicht existiert.
Neurotische Angst: Schließlich ermöglicht der Rechtextremismus mit seiner aufkommenden Wahnwelt voller Hirngespinste und Fake-News den Followern das Ausleben von neurotischen Spannungen und von bösartigen Größenphantasien. Unsere asozialen Impulse bekommen Ausgang und dürfen sich jetzt der Verfolgung von Außenfeinden zuwenden, die gejagt und deportiert werden sollen. Statt eines Lebens als Miesepeter mit einer neurotischen Selbstunterdrückung unter dem lästigen Diktat von political correctness darf jetzt Partystimmung herrschen. Die „Remigration“, auf die man sich in Sachsen-Anhalt und unter den österreichischen FPÖ-Anhängern schon freut, ist als eine lustvolle Veranstaltung konzipiert. Ein im Frühsommer 2026 präsentiertes Video mit Herbert Kickl und ein Lied der FPÖ heißen: Airbert One – Der Remigrationssong. Airbert ist natürlich eine Verballhornung von Herbert. Blonde schöne Menschen tanzen und winken fröhlich einem blauen Flugzeug mit der Aufschrift „Airbert One“ hinterher, das endlich Fremde und Frauen mit Kopftuch außer Landes bringt. Dazu hört man einen fröhlichen Liedtext: „Der Flieger hebt ab, leicht und frei, Remigration, la-la-la-la! Österreich ist frei, alles gut, so ein Tag der einfach Wunder tut! Und die Sonne scheint, la-la-la-la, und der Himmel lacht, la-la-la-la.“ (DerStandard, 16.6.2026: Olivera Stajic-Fidler „Deportation als Sommerhit“) Der Flieger Airbert wird inzwischen auf allen Veranstaltungen von Kickl im Spielzeug-Format verteilt. Daneben ist zur Unterhaltung des Publikums ein Messerschleifer tätig. Es findet eine heitere Befreiung von eigenen Ängsten und Hemmungen statt. Wer andere jagen oder bei der Jagd zuschauen darf, braucht zumindest vorübergehend selbst keine Angst zu haben.
In dem Zustand der Identifizierung und Liebesbindung der Follower gegenüber den populistischen Führern gelingt es diesen, die Realangst, die Gründe hat und eigentlich komplexe Erklärungen und Lösungen verlangen würde, in eine neurotische Angst zu transformieren, die immer personalistisch und konkretistisch ist. Die von den Menschen gefühlte Unzufriedenheit mit ihrer sozialen Position und ihre Angst vor Statusverlust werden konsequent „personalisiert“, auf die Bedrohung durch benennbare Personen oder Mitglieder einer Gruppe umgelenkt, die sich angeblich zu dem Zweck verschworen haben, der vom Führer vertretenen Gruppe oder Nation Schaden zuzufügen. Die einfache Verfolgung von Schuldigen ersetzt die Analyse und mühsame Bewältigung von realen Problemen. Das Mobbing lässt sich mit Hilfe der neuen sozialen Medien hervorragend verbreiten. Dabei werden tabuierte Gefühle mobilisiert, die wir im Grunde alle haben: der vom Christentum verbotene Neid auf angeblich bevorzugte Menschen („Wenn Du Flüchtling bist, musst Du in der Arztpraxis nicht warten.“) und eine dumpfe, zumeist kränkungsbedingte Destruktivität („Wenn der Laden so läuft wie jetzt, dann soll er doch einfach untergehen!“). Und wer möchte nicht manchmal diejenigen, die mir so viel wegnehmen, auch leiden sehen. Dann wird es sadistisch.
Über diese Gefühle müssen wir reden, aber nicht so, dass man sie mit erhobenem Zeigefinger bei den Gegnern verfolgt, sondern als etwas, zu dem wir in bedrohlichen Situationen fast alle fähig sind. Musk und Trump haben Empathie und Wokeness (ursprünglich: Wachsamkeit gegenüber Unrechtshandlungen) zu einer Gefahr für die Gesellschaft erklärt. „Inklusion“ soll laut AfD aus dem Bildungs- und Sozialwesen verbannt werden. Die Antwort von allen, die eine sozialarbeiterische und psychosoziale Arbeit ausüben, kann eigentlich nur sein: Wir machen weiter. Das ist unter den gegebenen und drohenden Umständen bereits eine Widerstandshandlung.
Zum Autor:
Klaus Ottomeyer, Sozialpsychologe und Psychotherapeut, ist odentlicher Universitätsprofessor im Ruhestand an der Universität Klagenfurt.
Hinweis:
Vom 19. bis 26. Oktober 2026 findet die Demokratiewoche 2026 statt.




