
Folge 43
Wie prägen Narrative den Sozialstaat, Adi Buxbaum?
Über Abwertung in Sozialstaatsdebatten, Verteilungsgerechtigkeit und Perspektiven für mehr Solidarität
"Der Doppelpass mit dem Boulevard garantiert Reichweite. Wer gehört zum Boulevard? Die Kronen Zeitung, Österreich und Heute. Dort eine Stimme zu bekommen, ist etwas sehr Seltenes. Ich kenne nur wenige armutsbetroffene Menschen, die hier ihr Schicksal darlegen können. Daran sieht man: Mächtige Verbände können ihre Interessen sehr gut formulieren. Der Boulevard bestellt, der Boulevard bekommt und der Boulevard verteilt die Haltungsnoten.
Ich glaube, bei der gesamten Transformationsfrage, also der Frage, welche Wirtschaftsmodelle wir wollen und wie sich diese mit ökologischen Anforderungen vereinbaren lassen, fehlt oft ein überzeugender Plan. Wenn es nicht gelingt, vor allem jungen Menschen Visionen und Zukunftsperspektiven anzubieten, dann hat man in dieser Debatte kein gutes Argument."
Wie wird über Arbeitslose, Teilzeitbeschäftigte und Geflüchtete gesprochen? Welche Bilder und Erzählungen prägen die öffentliche Debatte über den Sozialstaat? Und welche Folgen haben diese Narrative für gesellschaftlichen Zusammenhalt, politische Entscheidungen und die Verteilung von Chancen? In dieser Folge sprechen Henning Klingen und Markus Schlagnitweit mit dem Sozialpolitikexperten Adi Buxbaum, Senior Economist der Arbeiterkammer Wien und Autor des Buches ABC des Unsozialen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Sprache gesellschaftliche Wirklichkeit formt und warum bestimmte Gruppen immer wieder zum Gegenstand vereinfachender oder stigmatisierender Debatten werden.
Adi Buxbaum analysiert die Mechanismen hinter wiederkehrenden Erzählungen über Arbeitslose, Frauen in Teilzeit oder Geflüchtete und erläutert, welche Rolle Boulevardmedien, wirtschaftliche Interessenvertretungen und politische Akteur:innen bei der Gestaltung dieser Diskurse spielen. Dabei zeigt er, wie öffentliche Aufmerksamkeit häufig auf vermeintliche Missstände „von unten“ gelenkt wird, während Fragen der Vermögensverteilung und wirtschaftlichen Macht deutlich seltener thematisiert werden. In bezug auf die Frage der Verteilungsgerechtigkeit erklärt Buxbaum, warum das Fehlen umfassender Vermögensdaten die öffentliche Diskussion erschwert und weshalb soziale Ungleichheit nicht nur Einkommen, sondern auch Bildungschancen, Wohnmöglichkeiten und politische Teilhabe betrifft.
Außerdem geht es um Gleichstellung und die langfristigen Folgen geschlechtsspezifischer Ungleichheiten am Arbeitsmarkt. Buxbaum zeigt auf, wie sich Unterschiede bei Erwerbsarbeit, Einkommen und Sorgearbeit später in Sozialleistungen und Pensionen niederschlagen und warum eine gerechtere Verteilung dieser Lasten eine zentrale Voraussetzung für mehr Chancengleichheit ist. Mit Blick auf die Zukunft diskutiert er mögliche Wege zur Weiterentwicklung des Sozialstaats. Dabei spricht er über die Orientierungskraft nordischer Wohlfahrtsmodelle, die Bedeutung sozialer Investitionen und seine kritische Einschätzung des sogenannten Zukunftsdepots. Besonderes Augenmerk legt das Gespräch zudem auf junge Menschen: Wie beeinflussen soziale Herkunft und Zukunftserwartungen ihre Lebenswege? Und welche politischen Rahmenbedingungen sind notwendig, um gesellschaftliche Teilhabe und Zuversicht zu fördern?
Adi Buxbaum plädiert für eine faktenbasierte Debatte, einen kritischen Umgang mit Informationen aus sozialen Medien sowie die Fähigkeit, gesellschaftliche Konflikte konstruktiv auszutragen. Für ihn sind Empirie, Dialogbereitschaft und Solidarität grundlegende Voraussetzungen für eine gerechte und zukunftsfähige Gesellschaft.
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Gut zu wissen: Für das im ksœ-Magazin forschung.praxis.dialog mit dem Schwerpunkt "Gerechtigkeit(en)" hat Adi Buxbaum einen Artikel beigetragen. "Zuerst verschieben sich Diskurse, in Folge die Budgets. Sozialabbau im Zeitraffer!" erscheint im November im ksœ-Magazin forschung.praxis.dialog 03/2026.
Adi Buxbaum ist Experte für Sozialpolitik und Senior Economist
in der Direktion der AK Wien. 2023 erschien seine Publikation "ABC des Unsozialen".
Portraitfoto: © Markus Zahradnik
Gefördert durch die Österreichische Gesellschaft für politische Bildung.




