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09.02.2026  

 

Johannes Webhofer

Die Unschuld der Gleichgültigen

 

Stellen Sie sich einen Mann vor, der sein Leben wie ein Kunstwerk inszeniert: prachtvolle Salons, Affären, Reichtum und Schönheit. Seine Frau ist Teil dieser Inszenierung, ein schönes Objekt, das zu seinem ästhetischen Programm gehört. Sie ist für ihn kein Mensch mit eigenen Gefühlen und Bedürfnissen, sondern ein Objekt seiner Betrachtung. Er sieht sie aber nicht wirklich, hört ihr nicht zu. Als er sie schließlich wahrnehmen will, ist es zu spät. Und auch dieser Moment bleibt Teil seiner Selbstbezogenheit. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.

 

Diese Geschichte stammt aus Luchino Viscontis letztem Film L’innocente (dt. Die Unschuld) aus dem Jahr 1976, basierend auf Gabriele d’Annunzios Roman von 1892. Doch ihr Mechanismus ist zeitlos: Was geschieht, wenn Inszenierung wichtiger wird als Begegnung? Wenn das perfekte Bild mehr zählt als die Person dahinter? Wenn wir meinen, unschuldig zu sein, weil wir niemandem aktiv schaden, während unsere Gleichgültigkeit längst zur Komplizin geworden ist?

 

Ästhetik als Wegbereiter des Faschismus

D'Annunzio war nicht nur ein literarischer Protagonist des Ästhetizismus, er wurde später zu einer Schlüsselfigur bei der Entstehung des italienischen Faschismus. Wo das Ästhetische zum höchsten Prinzip erhoben wird und die Wirkung wichtiger ist als der Inhalt, kann, wie Walter Benjamin warnte, autoritäres Denken begünstigt werden.[1] Der Faschismus bot spektakuläre Bilder statt demokratischer Prozesse, heroische Gesten statt mühsamer Verständigung, eindeutige Feindbilder statt komplexer Realität. Visconti drehte den Film 1976 in voller Kenntnis dessen, was folgen würde: Die moralische Dekadenz der Oberschicht im späten 19. Jahrhundert - ihre Selbstbezogenheit und ihre Unfähigkeit zum ethischen Handeln - bereitete u. a. den Boden für den Faschismus. Wenn privilegierte Schichten den Dialog verweigern, wenn sie Menschen zu bloßen Objekten degradieren, entsteht nicht nur ein Legitimationsdefizit, sondern das Fehlen von Verständigung nährt auch die Sehnsucht nach autoritären Lösungen. Das Perfide an solchen Entwicklungen ist, dass sie oft mit vermeintlicher Unschuld beginnen. Bei d'Annunzio war es jedoch kein Wegschauen, sondern ein aktives ästhetisches Handeln, das politische Verantwortung hinter der Rolle des Künstlers verbarg. Sein Verweis auf die Autonomie der Kunst diente als Rechtfertigung einer Haltung, die Wirkung erzeugte, ohne sich ihrer Konsequenzen zu stellen. Doch Verantwortung entsteht nicht nur durch Tun, sondern auch durch Unterlassen. Wegschauen ist eine Handlung. Schweigen ist eine Position. Wer sich aus Konflikten heraushält oder sich in die Pose des Unbeteiligten flüchtet, trägt Verantwortung für das, was in dieser Abwesenheit geschieht.

 

Die Inszenierung heute

Die Ästhetisierung der Politik hat neue Werkzeuge gefunden, wobei ihre Funktion dieselbe bleibt: Spektakel statt Substanz, Emotion statt Argument, perfekte Bilder statt komplexer Diskurse. Denken Sie an Auftritte aktueller Politiker:innen, die auf inszenierte Emotionen setzen und symbolträchtige Orte wie das Weiße Haus in theatralische Bühnen verwandeln, um Stärke zu demonstrieren, während politische Inhalte und konträre Debatten in den Hintergrund treten. Oder an Kampagnen, die mit emotional aufgeladenen Bildern polarisieren, Geflüchtete, Migrant:innen, Arbeitslose oder politische Gegner:innen diskreditieren, statt Lösungen zu diskutieren. Hier zeigt sich die Logik d'Annunzios im 21. Jahrhundert: Ästhetik wird zum Mittel der Macht, Wirkung ersetzt inhaltliche Auseinandersetzung, und das Publikum wird zum Mitwirkenden eines politischen Schauspiels, dessen Konsequenzen oft unreflektiert bleiben. Hinter der Inszenierung verschwinden konkrete Sorgen, zwischen polarisierenden Auftritten bleibt kein Raum für die Grautöne der Lebensrealität. Zu viele schauen weg, bleiben in ihren Blasen, inszenieren sich, statt sich konstruktiv zu beteiligen. Die Folgen sind gravierend und zeigen sich in zunehmender Polarisierung, Radikalisierung und Vertrauensverlust in demokratische Institutionen. Die Lehre aus d'Annunzios Entwicklung vom Ästheten zum Faschisten ist eindringlich. Die vermeintlich unpolitische Haltung des schönen Scheins, die Konzentration auf Inszenierung statt Substanz, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer ist hochpolitisch. Sie schafft die Bedingungen, unter denen Demokratie erodiert.

 

Verständigung und sozialer Friede als gemeinsame Aufgabe

Verständigung geschieht nicht von selbst. Sie ist eine Praxis, die wir kultivieren müssen und kann dann zu einem demokratischen Immunsystem gegen autoritäre Versuchungen werden. Verständigung ist aber auch kein Freibrief für jede Position. Wer Menschenwürde bestreitet, Gewalt legitimiert oder demokratische Grundprinzipien ablehnt, ist außerhalb des demokratischen Rahmens und damit nicht verständigungsfähig. Innerhalb dieses Rahmens jedoch bedeutet Verständigung die Bereitschaft, sich dem Fremden, dem Unvertrauten wirklich auszusetzen, statt es vorschnell einzuordnen oder abzulehnen. Diese Haltung verlangt, den anderen mit gleicher Würde anzuerkennen und eigene Positionen zu hinterfragen. Sie ist das Gegenprogramm zur faschistischen Logik der Eindeutigkeit, zur Reduktion von Menschen auf Freund-Feind-Schemata, zur Ästhetisierung des Politischen. Sozialer Friede ist nicht die Abwesenheit von Konflikt, sondern die Fähigkeit, produktiv mit Differenz umzugehen, Konflikte auszutragen, ohne einander die Würde abzusprechen. Die Verantwortung dafür tragen wir alle. Wer die Möglichkeit hat, Räume zu öffnen, Dialoge zu initiieren oder Brücken zu bauen, trägt die Verantwortung, es zu tun. Gleichgültigkeit ist keine Option. Es braucht die Bereitschaft, eigene Blasen zu verlassen, Dialogstrukturen zu etablieren, Konfliktfähigkeit zu fördern und Menschen zu ermutigen, politisch aktiv zu werden. Was wir von Viscontis Film lernen können und aus d'Annunzios Weg zum Faschisten lernen müssen, ist einfach und radikal zugleich: Wir müssen aufhören zu inszenieren und anfangen zu begegnen. Wir müssen den anderen sehen wollen und mit George Tabori daran festhalten, dass "Jede/r jemand ist". Wie das konkret gelingen kann, zeigen Beispiele in unserem Magazin forschung.praxis.dialog sowie unsere Gesprächspartner:innen im Podcast Der Sozialkompass.

 

Die Illusion und die Möglichkeit

Das Tragische an Viscontis Film ist, dass all das Leid vermeidbar gewesen wäre. Visconti zeigt nicht nur das Scheitern, sondern auch den Moment, in dem die Wende noch möglich gewesen wäre. Dieser Moment existiert immer, bis er verpasst ist. Sozialer Friede ist kein Zustand, den wir einmal erreichen und bewahren können. Er ist eine Praxis, die wir täglich erneuern müssen – gegen die Versuchung der Gleichgültigkeit, gegen autoritäre Angebote einfacher Lösungen. Die Unschuld der Gleichgültigen ist eine Illusion. Aber die Möglichkeit der Verständigung ist real. In einer Zeit, in der autoritäre Politik wieder Konjunktur hat, ist Verständigung unsere beste Verteidigung. Sie hält den Raum offen, in dem Menschen einander noch als Menschen begegnen können und nicht zu passiven Zuseher:innen einer politischen Inszenierung verkommen.

 

 

Hinweis: Derzeit zeigt das Filmmuseum Wien eine Retrospektive zu Luchino Visconti. Im Rahmen dieser wird auch der Film L’innocente präsentiert.
 

13.02.2026 – Filmmuseum Wien
L'innocente – Luchino Visconti

 

 

[1] "Der Faschismus versucht, die neu entstandenen proletarisierten Massen zu organisieren, ohne die Eigentumsverhältnisse, auf deren Beseitigung sie hindrängen, anzutasten. Er sieht sein Heil darin, die Massen zu ihrem Ausdruck (beileibe nicht zu ihrem Recht) kommen zu lassen. Die Massen haben ein Recht auf Veränderung der Eigentumsverhältnisse; der Faschismus sucht ihnen einen Ausdruck in deren Konservierung zu geben. Der Faschismus läuft folgerecht auf eine Ästhetisierung des politischen Lebens hinaus". Benjamin, Walter (1974): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In: Tiedemann, Rolf/Schweppenhäuser, Hermann (Hg.): Gesammelte Schriften. Frankfurt am Main. S.506.

 


Zum Autor: 

Johannes Webhofer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der ksœ. 

 

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