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Equality is Diversity - Foto

 


Zum Internationalen Tag der Gerechtigkeit am 17. Juli

Gleich oder gerecht?

 

Es gibt ein Bild, das seit Jahren durch soziale Medien kursiert. Es stammt von Angus Maguire: drei Menschen unterschiedlicher Körpergröße stehen vor einem Holzzaun und wollen ein Baseballspiel beobachten. Im linken Bild stehen alle drei auf gleichgroßen Kisten – Equality (Gleichheit). Die größte Person sieht problemlos über den Zaun, die mittlere gerade noch, die kleinste gar nicht. Im rechten Bild hat jede Person so viele Kisten, wie sie braucht, um über den Zaun zu sehen – Equity (Gerechtigkeit). Alle drei können das Spiel verfolgen.

 

Bild: Interaction Institute for Social Change | Artist: Angus Maguire.

 

Dieses Bild geht viral, weil es etwas sichtbar macht, das wir zwar ahnen, aber selten so klar benennen: Gleich und gerecht sind nicht dasselbe.

 

Ein Tag, der erinnert

Der 17. Juli ist der Internationale Tag der Gerechtigkeit – genauer, der Internationale Tag der Strafgerichtsbarkeit. Er erinnert an die Unterzeichnung des Römischen Statuts im Jahr 1998, das den Grundstein für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag legte. Dadurch sollten erstmals schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht ungestraft bleiben.

 

Doch was bedeutet Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Zusammenleben, jenseits von Den Haag und Völkerrecht? Gerechtigkeit ist einer jener Begriffe, die jede und jeder kennt, und über die sich trotzdem trefflich streiten lässt. Ist es gerecht, wenn alle dasselbe bekommen? Oder wenn alle das bekommen, was sie brauchen? Wenn Leistung unterschiedlich belohnt wird? Oder wenn niemand benachteiligt ist?

 

Diese Fragen sind nicht neu. Aristoteles unterschied schon zwischen austeilender und ausgleichender Gerechtigkeit. John Rawls fragte, welche Regeln wir uns geben würden, wenn wir nicht wüssten, welchen Platz wir in der Gesellschaft einnehmen. Damit macht er deutlich, dass Gerechtigkeit nicht nur eine Frage der Verteilung ist, sondern auch davon abhängt, wer die Regeln aufstellt, nach denen verteilt wird. Martha Nussbaum erinnert uns daran, dass Gerechtigkeit immer auch die Frage stellen muss, über welche Fähigkeiten Menschen verfügen müssen, um ein würdiges Leben führen zu können.

 

Das ist nur eine Auswahl von vielen Perspektiven, wobei alle um den gleichen Kern kreisen: Gerechtigkeit ist keine Momentaufnahme, sondern eine dauerhafte Aufgabe. Sie muss immer wieder neu ausgehandelt, erkämpft und verteidigt werden.

 

Der Elefant auf dem Baum

Es gibt da aber noch ein anderes Bild, das den Gerechtigkeitsdiskurs seit Jahrzehnten begleitet und eine ganz andere Frage stellt. 1975 veröffentlichte der Zeichner Hans Traxler eine Karikatur im Juli-Heft der Zeitschrift betrifft : erziehung. Das Bild zeigt eine Reihe von Tieren vor einem Baum: ein Vogel, ein Affe, ein Marabu, ein Elefant, ein Fisch im Glas, eine Robbe, ein Hund. Ein Prüfer erklärt die Prüfungsaufgabe: "Zum Ziele einer gerechten Auslese lautet die Prüfungsaufgabe für Sie alle gleich: Klettern Sie auf den Baum!"

 

Bild: Karikatur von Hans Traxler, 1975, aus: betrifft : erziehung.

 

Traxler wollte darauf hinweisen, dass Menschen mit unterschiedlichen Anlagen zur Welt kommen und Begabungen nicht beliebig veränderbar sind. Es war ursprünglich als Kritik an einem Bildungssystem gedacht, das Chancengleichheit behauptet, aber strukturell ungleiche Startbedingungen ignoriert.

 

Vergleicht man die beiden Bilder, so werden die Spannungen im Nachdenken über Gerechtigkeit sichtbar. Auf der einen Seite die Einsicht, dass Strukturen Menschen benachteiligen, die eigentlich die gleichen Fähigkeiten hätten, wenn sie nur dieselben Chancen bekämen. Auf der anderen Seite die Frage, wie ein gerechtes System mit tatsächlichen Unterschieden oder ungleichen Ausgangsbedingungen umgehen soll. Maguires Bild fordert, dass jede Person so viele Kisten bekommt, wie sie braucht, um über den Zaun zu sehen. Traxlers Bild fragt hingegen, was passiert, wenn nicht alle über Zäune schauen wollen oder können. Ist es dann gerecht, an Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten gleiche Erwartungen zu stellen?

 

Beide Fragen sind berechtigt und doch wird keine einfache Antwort beiden gerecht.

 

Gerechtigkeit als Schwerpunkt der ksœ

Genau in dieser Spannung, zwischen struktureller Benachteiligung und individueller Verschiedenheit, zwischen gleichen Rechten und unterschiedlichen Bedürfnissen, bewegt sich die Auseinandersetzung mit Gerechtigkeit.

 

Die Katholische Sozialakademie Österreichs (ksœ) hat Gerechtigkeit zu einem ihrer zentralen Schwerpunktthemen gemacht. Wie vielschichtig die Annäherung an dieses Thema sein kann, zeigen die Beiträge, die in den letzten Monaten entstanden sind. So stellt ksœ-Ökonom Sebastian Thieme in seinem Blogbeitrag grundsätzlich in Frage, ob wir überhaupt von Gerechtigkeit im Singular sprechen können, oder ob wir nicht besser von Gerechtigkeiten im Plural reden sollten, die je nach Kontext, Perspektive und Wertehorizont ganz unterschiedlich aussehen (zum Blogbeitrag). Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die Podcastfolgen der aktuellen Staffel. Für die Richterin und Menschenrechtsexpertin Barbara Helige stellt sich Gerechtigkeit vor allem als Frage des Rechts. Ob alle Menschen immer gleich zu behandeln sind oder nach ihrer Ungleichheit (genau die Frage von Maguires Bild), hält sie für eine bis heute ungelöste Streitfrage. Eine gemeinsame Basis von Recht und Gerechtigkeit sieht sie dort, wo Gesetze auf den Menschenrechten beruhen, nämlich in der Idee, dass alle Menschen gleich an Würde und Rechten sind. Für Helige ist geltendes Recht aber nicht automatisch schon gerecht, sondern muss sich seine Akzeptanz durch unabhängige Gerichte immer neu verdienen (zum Podcast). Finanzminister Markus Marterbauer zeigt, dass Österreich zwar bei Einkommen vergleichsweise fair aufgestellt ist, bei Vermögen aber nicht. Das reichste Prozent der Haushalte besitzt mehr als 40 Prozent des gesamten Vermögens. Eine seiner Schlussfolgerungen ist, dass der eigentliche Motor für Gerechtigkeit nicht die Steuerdebatte sei, sondern der Wohlfahrtsstaat und damit Themen wie Bildung, Gesundheit oder Pflege (zum Podcast). Für den Klimaökonomen Thomas Schinko ist Gerechtigkeit auch eine Frage zwischen Generationen und zwischen globalem Norden und globalem Süden. Jene Regionen, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, sind heute am stärksten davon betroffen, und das sei, so Schinko, eine zutiefst moralische Herausforderung (zum Podcast). Die Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack macht wiederum darauf aufmerksam, dass Gerechtigkeit und Solidarität keine Konkurrenten sind, sondern einander brauchen. "Gerechtigkeitskonzeptionen ohne Solidarität hätten keine Hände, und Solidarität ohne Gerechtigkeit hätte kein Gehirn", so Prainsack (zum Podcast).

 

Gleich oder gerecht.

Traxlers Karikatur ist seit 1975 unzählige Male nachgedruckt und vielfach variiert worden. Bis heute lässt sie sich ganz unterschiedlich interpretieren. Das ist vielleicht das Treffendste, was man über Gerechtigkeit sagen kann: Sie ist kein fertiger Zustand, sondern stellt uns ständig vor die Fragen: Wer profitiert vom status quo? Wessen Chancen werden durch welche Strukturen begrenzt? Was sind wir bereit zu verändern, und was halten wir für unveränderlich? Letztlich müssen wir uns aber auch der Frage stellen, wer eigentlich mitentscheiden darf, was gerecht ist.

 

Der Internationale Tag der Gerechtigkeit ist ein Anlass, diese Fragen nicht zu vergessen. Die ksœ stellt sie das ganze Jahr.

 

Alle Podcast-Folgen und Beiträge zum Thema Gerechtigkeit gibt es auf ksoe.at/podcast sowie in unserem Blog unter ksoe.at/blog.

 


Zum Autor: 

Johannes Webhofer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der ksœ. 

 

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