>> Hintergrund: Pressemitteilung 20.06.2011
Allianz für den freien Sonntag wurde von Oberösterreich aus gegründet: Gründungsmitglied Bischof em.Maximilian Aichern zur Geschichte
Anläßlich der bevorstehenden Gründunge der europäischen Allianz für den freien Sonntag morgen 20.6.2011 in Brüssel gibt Bischof em. Maximilian Aichern einen ersten Kommentar dazu und Einblick in die Entstehungsgeschichte. Aichern war maßgeblich beteiligt an der Gründung der Allianz für den freien Sonntag, die von Oberösterreich ausging.
Allianz für den freien Sonntag: Bischof em. Maximilian Aichern
Als einstiger Referatsbischof für Soziale Fragen in der Österreichischen Bischofskonferenz ist mir die Allianz für den freien Sonntag und ihre europaweite gesetzliche Verankerung nach wie vor besonders wichtig. Die europäische Kultur erlebt eine Phase der Ökonomisierung und Effizienzsteigerung, die einerseits Beachtliches möglich macht, andererseits auch eine bedenkliche Seite hat, die dem Menschen nicht immer gerecht wird.
Ein allzu kurzfristiges ökonomisches Denken vergisst, dass der Mensch, wenn er leistungsfähig arbeiten und schaffen soll, auch Ruhepausen braucht, dass er zwischenmenschliche Kontakte benötigt, dass Ehepartner, Kinder, Bindungen an Freunde und nahestehende Menschen auch das Elixier sind, aus dem heraus wir uns stärken und unsere Energie, Kreativität und Leistungsfähigkeit aufbauen. Sehr oft steht unser Leben heute unter wirtschaftlichen Sachzwängen und es kommen Argumente, die uns kurzfristig mehr Effizienz, mehr Leistung, mehr Produkt, mehr Gewinn versprechen, aber immer wichtige Teile aussparen, die ebenso Voraussetzung für ein gutes Leben sind: Familie, geglückte Kindheit, gute Ausbildung, Zeit, Verständnis, Freude am Leben usw.
Wer nur arbeitet, wird bald erschöpft sein und zusammenbrechen und gar nichts mehr leisten können. Wer keine Rekreation, Erholung, Muße und Spiritualität hat, dem wird das zwar nicht kurzfristig beim Gewinn oder bei der Leistung schaden, aber er wird langfristig ausbrennen. Und wer nur eine individuelle Freizeit hat - damit bin ich bei der Aushöhlung des freien Sonntags - diese aber nicht mit seinen Beziehungspersonen erleben kann, der wird verarmen oder Angstzustände bekommen.
In den 1990er Jahren riefen Bischöfe und kirchliche Bewegungen in der damaligen Situation einen Dialog für Österreich aus. Bei der Delegiertentagung der österreichischen Kirche 1999 in Salzburg wurde u. a. beschlossen, eine Allianz für den freien Sonntag (und für die in Österreich üblichen freien Feiertage) zu gründen. Der Dialog für Österreich teilte die Sorge, dass aus wirtschaftspolitischen Gründen, durch Druck wegen der Praxis in anderen EU-Staaten, ernste Gefahr für die Aushöhlung des gesetzlich garantierten freien Sonntags in Österreich durch immer umfassender werdende Ausnahmen bestand.
Als Referatsbischof für die Sozialen Angelegenheiten innerhalb der Österreichischen Bischofskonferenz wurde ich damals gebeten, gemeinsam mit der Katholischen Sozialakademie (KSOE) in Wien, Arbeitsvorschläge zu machen, wie dieses Engagement aussehen könnte. In der KSOE wurde dafür ein Sekretariat unter dem damaligen und heutigen Leiter der KSOE, P. Dr. Alois Riedlsperger, eingerichtet. Mit der KSOE haben wir Bischöfe und die Katholischen Aktion sowie weitere kirchliche Bewegungen und Organisationen begonnen, allen österreichischen Diözesen Impulse für eine motivierende Arbeit zugunsten des freien Sonntags und der gesetzlichen Feiertage zu geben.
Wir schlugen auf Bundesebene und in den Bundesländern Gespräche auf ökumenischer Basis mit den politischen Parteien, den Sozialpartnern, der Wirtschaft, den Kammern, den Betrieben und Kulturvereinen vor.
In der Diözese Linz, sie entspricht dem Bundesland Oberösterreich, haben wir sehr intensiv mit allen verantwortlichen Kräften geredet, und schon bald auf ökumenischer Basis eine Versammlung im Bischofshof mit Sozialpartnern, Kammern, Kultur, sehr vielen Vereinen und politischen Parteien abgehalten. Dabei stellten wir fest, dass es nur wenige Lobbyisten waren, die unbedingt den Sonntagsschutz aufweichen wollten, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Die weitaus meisten Betriebe waren dagegen. Es war eine kleine, aber einflussreiche Minderheit, die den Druck ausübte und gut vernetzt war mit Massenmedien, die die Sache oft so darstellten, als sei es ein Wunsch der Konsumenten und ein öffentliches Verlangen, die Sonntage wie Werktage zu gestalten.
Wir konnten durch Umfragen und mühevolle Kleinarbeit erheben, dass eine überwiegende Merhheit der ÖsterreicherInnen gegen eine Lockerung des Sonntagsarbeitsverbotes war. Auf unserer Versammlung im Linzer Bischofshof beschlossen wir, für Oberösterreich eine "Allianz für den freien Sonntag" zu gründen. Das wurde von den Verantwortlichen der Ökumene und vieler Organisationen wie Kammern, Unternehmensverbände, Gewerkschaften, zahlreicher Vereine aus Kulturarbeit und Freizeitverbänden, wie z. B. dem Alpenverein, unterzeichnet. Eine der ersten Vorstöße war, in die Landesverfassungen eine Klausel zur Garantierung der Freiheit von Sonn- und Feiertagsarbeit einzufügen. Dies gelang sehr rasch in einigen Bundesländern. Wir führten immer wieder Gespräche mit den zuständigen Ministern in der österreichischen Bundesregierung und mit der EU-Kommission in Brüssel.
Der freie Sonntag und die Feiertage müssen uns immer ein Anliegen sein. Manche wollen es nicht verstehen und meinen, da es doch Sonn- und Feiertagsarbeit gibt, könnte diese auch leicht ausgedehnt werden. Manche Menschen müssen natürlich auch heute an Sonntagen und Feiertagen notwendige Dienste leisten (Krankenpflege, Sicherheit, Tourismusausnahmen, Vekehrsmittel, Gastwirtschaft, manche Industrien). Jede Ausweitung darüber hinaus führt zu Zwang und Konkurrenzdenken.
Im Wesentlichen halten sehr viele Menschen in Österreich heute zur Allianz für den freien Sonntag und die Feiertage und es ist uns in zäher Kleinarbeit gelungen, das Anliegen bekannter, verständlicher und bewusster zu machen. Auch die Sozialpartner stehen stark hinter der Allianz. Schon in den ersten Jahren unseres Engagements meldeten sich die Kirchen und Interessierte und Partner aus Deutschland, Slowenien, Kroation, Ungarn, Slowakei, Tschechien und anderen Ländern. Es gab von diesen Seiten Anfragen an uns, wie der Prozess der Kirchen zur Bewusstseinsmachung für den freien Sonntag und die Feiertage gelaufen ist. Sehr erfreulich ist, dass nun ein wichtigste Schritt ansteht: Nun soll die Allianz für den freien Sonntag auf Europaebene ausgedehnt werden.
Der freie Sonntag ist das älteste Sozialgesetz der christlich-jüdischen Zivilisation, begründet im Alten Bund (3. der 10 Gebote Gottes). Das gemeinsame Rasten, die sozialen Kontakte und das Lob Gottes sind bedeutsamste christliche Werte, die für die Menschenwürde wohl unabdingbar sind.
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Rückfragehinweis für die Medien:
Mag.a Gabriele Kienesberger, Koordinatorin der Allianz für den freien Sonntag Österreich
gabriele.kienesberger@ksoe.at#
0043-650-400 57 51
www.freiersonntag.at
Katholische Sozialakademie Österreichs
Catholic Social Academy of Austria
A-1010 Wien, Schottenring 35/DG
T: +43-1-310 51 59 - 83
F: +43-1-310 68 28
office@ksoe.at
www.ksoe.at
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