Bild zum Thema
Link zur Startseite Link zur Startseite

AnlegerInnen im Interview zu Ethik-Investment:

Mag. Christian March
amnesty international Österreich (ai)


Nachdem die BAWAG P.S.K. im April 2007 die Beendigung der Bankbeziehungen zu ihren kubanischen KundInnen angekündigt hatte, hat amnesty international diesen Schritt als Diskriminierung aufgrund der nationalen Zugehörigkeit der betroffenen Personen kritisiert und angeregt, eine Beendigung aller Geschäftsbeziehungen zur BAWAG P.S.K. in Erwägung zu ziehen und dies auch öffentlich bekannt zu machen.

Herr March, was ist seither geschehen bzw. was konnte erreicht werden?

ai AktivistInnen am Michaeler Platz gegen GuantanamoDie BAWAG hat im Zuge unseres Protestes unsere drei Forderungen erfüllt. Diese beinhalteten eine öffentliche Entschuldigung bei den Opfern, Entschädigung und Rückkehrmöglichkeit zur BAWAG sowie die Implementierung eines Antidiskriminierungsprogramms innerhalb der BAWAG mit Schwerpunkt AusländerInnen und Menschen mit Behinderung.

Gegenüber der BAWAG sind Sie konzertiert mit anderen Organisationen aufgetreten. Ist das eine Form des "engagements", die Ihrer Meinung nach Potenzial hat (vgl. aktuell die jüngsten Proteste von Umweltorganisationen gegen die ERSTE Bank)?

Ja, der Effekt ist größer, je breiter die Organisationen auftreten.

Gibt es internationale Kriterien von amnesty, die Veranlagung von Spendengeldern betreffend? Hat amnesty in Österreich eigene Kriterien erarbeitet? Welche sind das?

Im Wesentlichen gibt es ein Veranlagungsverbot für jede spekulative Veranlagungsform, wie Optionen und Futures oder diverse Hedgefonds, sofern nicht aus Kurssicherungsgründen. Weiters dürfen maximal 50% in Aktienfonds investiert sein, allerdings niemals in Einzelaktien.

Diese sind nur erlaubt, wenn im Rahmen einer inhaltlichen Kampagne man als kritischer Aktionär Druck auf der Hauptversammlung ausüben möchte. Dieses Engagement hatten wir bei der OMV (Engagement im Sudan) und Andritz (Ilisu-Staudamm).

ai informationNeben den Risikoaspekten wird noch ein menschenrechtlicher Filter darüber gelegt, wie etwa der Ausschluss von Firmen, die im Rüstungsbereich tätig sind oder menschenrechtlich bedenklichen Ländern bspw. mit Verhängung der Todesstrafe oder über die ein UN-Embargo verhängt wurde.

Allerdings stehen wir erst am Anfang, da auch ethische Fonds sehr oft keine für uns zufriedenstellende Lösung sind, da je nach HIntergrund andere Maßstäbe angelegt werden: Z.B. schließen manche ethische Fonds für kirchliche Investoren Firmen mit Verhütungspräparaten aus. Aus menschrechtlicher Sicht hat ai diesbezüglich keine Bedenken. Gleiches gilt beispielsweise auch für Tabakfirmen.

Hat amnesty Geld in Fonds veranlagt? Welche sind das konkret und warum ist die Entscheidung für diese gefallen?

Unsere aktuelle Veranlagung besteht im Moment ausschließlich aus Festgeld, mündelsicheren Rentenpapieren im Euroraum und 10 Stück Aktien der Firma Andritz aus Campaigningzwecken wegen des Ilisu-Staudamms. ai hat als internationale Organisation zusätzlich den Vorteil, innerhalb der internationalen Organisation veranlagen zu können, da alles, was über ein Mindestmaß an lokalen Reserven benötigt wird, am besten in internationale Menschrechtsarbeit investiert wird.

Wir wollen in Ländern mit einigermaßen hohen menschenrechtlichen Standards veranlagen und andererseits ohne großes Risiko, da es sich ja um Spendengeld handelt, auch wenn die Performance der letzten Jahre nicht besonders war.

Sind Sie zufrieden mit dem Angebot Ihrer Hausbank BAWAG? Ist für Sie ausreichend transparent, wofür Ihr Geld arbeitet? Wo bestünde Verbesserungspotenzial?

Bezüglich aktiver ethischer Veranlagung haben alle Banken einen starken Nachholbedarf. Meiner Meinung nach müssten die Banken vermehrt über ihre ethischen Investments kommunizieren und wie die angebotenen Produkte in deren gesellschaftlich verantwortliches Handeln passt.

Wie schlecht das allgemeine Kommunikationsverhalten ist, sieht man ja im Moment durch die Immobilienkrise, wo "tröpferlweise" nur das Nötigste kommuniziert wird.

Wie schätzen Sie die Qualität betreffend Ethik-Investment im Bankensektor in Österreich allgemein ein? Sind Menschenrechte drinnen, wo Menschenrechte draufstehen? Wie gut wissen BeraterInnen in Banken Bescheid über ethische Geldveranlagung?

ai info deckblattDieser Bereich steckt meiner Meinung nach noch in den Kinderschuhen, es wird bestenfalls mit Ausschlusskriterien und irgendwelchen schwer nachvollziehbaren "ethischen Anlageuniversen" und Ratingkriterien gearbeitet. In manchen Fällen gibt es einen Beirat, dessen Einflussmöglichkeiten nicht sehr transparent dargestellt werden. Eine umfassende Darstellung, auf welche Menschenrechte der Schwerpunkt gelegt wird, habe ich bisher noch nicht erlebt.

Wenn die Produkte noch nicht ausgereift sind, wird es im Allgemeinen die Schulung der BeraterInnen leider auch nicht sein.

Die Mehrheit der ÖsterreicherInnen hat ihr Geld auf dem "guten alten Sparbüchl" liegen. Könnten nicht NGOs gemeinsam mehr Druck auf Banken ausüben, dass hier die Palette der Angebote um ethische Sparformen erweitert wird? Wo ich als SparerIn z.B. auswählen kann, dass mein Geld gezielt für regenerative Energien oder für ökologischen Wohnbau eingesetzt wird?

Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, als NGO einzelne ethische Veranlagungsprodukte einer Bank zu fordern. Unser Zugang versucht menschenrechtkonformes Verhalten eines Unternehmens einzufordern. Was nützt es bei einer Bank, die ethische Sparformen anbietet, aber unethische Kredite an problematische Waffenfirmen vergibt oder schikanös mit ihren MitarbeiterInnen umgeht?

Diese Bank hat auf jeden Fall ein Glaubwürdigkeitsproblem und wird auch Probleme mit den ethischen Sparformen haben.

Welche Zukunft geben Sie der ethischen Geldanlage insgesamt?

Hier gibt es ein meiner Meinung nach großes Potenzial, da wir hier beim ethischen Veranlagen und Konsumieren erst am Anfang stehen und das Bewusstsein dafür wächst. Allerdings muss dieses Bewusstsein von menschenrechtskonformem Verhalten in einer Bank in anderen Geschäftsbereichen mit dem Entwickeln diverser Produkte Hand in Hand gehen.

Wir danken für das Interview! (5.5.2008)


Mag. Christian March

amnesty international Österreich (ai)
Geschäftsführer, zuständig für die wirtschaftlichen Belange

 

ai logoamnesty international Österreich
Moeringgasse 10/1 1150 Wien
Tel. +43 1/78008-35 Fax +43 1/78008-44


E-Mail christian.marchATamnesty.at
www.amnesty.at


Weitere Interviews sind in Ausarbeitung!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Christian March, amnesty international