Sozialwort der Kirchen in Österreich.

Evaluation eines Prozesses

„Vom Sozialwort zu sozialen Taten“, so lautete die Titel des Schlusskapitels im „Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich“, das am 1. Adventsonntag 2003 in Wien mit einem Gottesdienst im Dom zu St. Stephan und einer Tagung in der Evangelischen Akademie der Öffentlichkeit vorgestellt wurde (Vgl. Parole sociale des Eglises en Autriche, Evangile et Justice No 75, 2005). Dieses Dokument ist die Frucht eines mehrjährigen Projekts, an dem sich alle 14 christlichen Kirchen in Österreich beteiligten. Als Prozess der Zusammenarbeit, der Verständigung und der gemeinsamen Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung kann es als Beispiel gelebter Ökumene betrachtet werden.

Diese Initiative wurde mit großer Bereitschaft von den christlichen Kirchen aufgegriffen. Die Gesamtverantwortung für das Projekt wurde einer Steuerungsgruppe aus 5 Personen übertragen, in der Kirchen der östlichen wie der westlichen Tradition vertreten waren: die römisch-katholische Kirche, orthodoxe und altorientalische Kirchen und die Kirchen der Reformation. Nicht das Prinzip zahlenmäßiger Größe der Kirchen sollte bestimmend sein, sondern die Möglichkeiten der einzelnen Kirchen, zum Ganzen beizutragen.

Inhalt:
1. Der Ansatz bei der bestehenden sozialen Praxis der Kirchen >
2. Das Sozialwort als Orientierungs- und Impulstext >
3. Das Sozialwort als Anregung zu einer erneuerten sozialen Praxis >
4. Vermittlung der Inhalte des Sozialworts >
5. Umsetzung der Anliegen in die Praxis >

 

1. Der Ansatz bei der bestehenden sozialen Praxis der Kirchen

Das Sozialwort-Projekt startete mit einer kritischen „Standortbestimmung“ sozialer Initiativen und Einrichtungen der Kirchen (Phase 1). Die Einladung dazu erfolgte mit Impulsfragen, die zu einer Reflexion der sozialen Praxis der Kirchen anregen wollte. Die 522 Rückmeldungen aus lokalen wie gesamtösterreichischen Initiativen und kirchlichen Einrichtungen wurden im „Sozialbericht“ dokumentiert und öffentlich zur Diskussion gestellt (Phase 2).

Die gemeinsame Präsentation des „Sozialberichts“ und die Bereitschaft der Kirchen, sich der Diskussion in der Öffentlichkeit, in Begegnungen mit politischen Parteien und Interessenorganisationen, in thematischen Veranstaltungen und Gesprächen vor Ort g e m e i n s a m zu stellen, ließ in Phase 2 und später auch bei der Veröffentlichung des „Sozialworts“ in Phase 3 die Verbundenheit der Kirchen in diesem Projekt deutlich spüren. Gemeinschaft im Glauben und Verbundenheit in sozialen Anliegen wird vor allem im gemeinsamen Auftreten in der Öffentlichkeit deutlich.

 

2. Das Sozialwort als Orientierungs- und Impulstext

Für die Erarbeitung des „Sozialworts“ als eines gemeinsamen Textes der Kirchen wurde davon ausgegangen, dass sich zeigen würde, worin Gemeinsamkeiten in den Positionen bestehen bzw. gefunden werden können. So wurden in Zusammenarbeit mit rund 50 Personen, die von den Kirchenleitungen vorgeschlagen wurden, Sichtweisen zu einzelnen Problemfeldern unabhängig von einander zu formuliert. Aus diesen Textbausteinen zu einzelnen Themen des zu erarbeitenden „Sozialworts“ erstellte die Steuerungs-gruppe einen Rohentwurf. Dieser Entwurf wurde in drei Lesungen den Kirchenleitungen zur Stellungnahme vorgelegt. Schriftliche Änderungswünsche und Ergänzungen wurden jeweils für den nächsten Entwurf von der Steuerungsgruppe eingearbeitet und parallel dazu weiteren Personen zum kritischen Gegenlesen zugeleitet.

In diesem Verständigungsprozess wurde klar, wie das „Sozialwort“ zu verstehen sei: nicht als Grundlagenstudie zu sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fragen, vielmehr als Orientierungstext , um die Richtung einer menschen-gerechten Entwicklung der Gesellschaft anzuzeigen, ohne im Einzelnen Maßnahmen als die einzig richtigen darzustellen. Gesellschaftliche Entwicklungen sollten in ihrer Ambivalenz aufgezeigt und damit zu kritischer Unterscheidung angeregt werden.

Wie die Suche nach dem Verbindenden und Gemeinsamen entscheidend für die Ökumene ist, so auch die Wahrnehmung von Unterschieden und das Achten von Grenzen in der Übereinkunft.

Gerade um zu vermeiden, dass Formulierungen inhaltsleer werden, weil nur der „kleinste gemeinsame Nenner“ gesucht wird, galt es in der Erstellung der Textentwürfe Unterschiede wahrzunehmen und zu benennen. Dieses Benennen ließ Respekt und Achtung vor der Meinung der anderen spürbar werden und förderte darin die Einheit in der Verschiedenheit. Schritt für Schritt konnte so das Sozialwort als Text Gestalt gewinnen, der schließlich die Zustimmung aller Kirchen-leitungen fand.

Entsprechend der Absicht, mit dem „Sozialwort“ einen Impulstext für soziales Handeln vorzulegen, bieten die einzelnen Kapitel mit den Abschnitten „Aufgaben für die Kirchen“ und „Aufgaben für die Gesellschaft“ jeweils Anknüpfungspunkte und Empfehlungen für konkrete Initiativen zur Umsetzung der in den Kapiteln formulierten Über-zeugungen und Anliegen.

So verweisen beispielsweise die Kirchen in den Fragen von „Arbeit-Wirtschaft-Soziale Sicherheit“ auf die Kampagne für „Gute Arbeit“, auf ethische Geld- und Vermögensanlage oder auf die Unternehmensinitiative von „Corporate Social Responsibility“. Im Anliegen von „Gerechtigkeit weltweit“ treten die Kirchen mit der Kampagne „0,7%“ für die Einhaltung der Vereinbarung über die Zahlung der anteiligen Mittel des Brutto-Sozialprodukts zugunsten der Entwicklungszusammenarbeit ein.

Die Grundkonzeption ist dabei „Selbstverpflichtung“. Die genannten „Aufgaben“ werden als Einladungen an einzelne Christinnen und Christen, an kirchliche Gruppen und Einrichtungen wie an Kirchenleitungen verstanden, in Eigenverantwortung einzelne Anliegen des „Sozialworts“ aufzugreifen und sich auf eine entsprechende Praxis zu verpflichten.

Mit der Aufbereitung einer Vielfalt von Möglichkeiten des Engagements in den jeweiligen Problemfeldern sollte der Blick auch auf mögliche Beiträge anderer und die Vernetzung mit ihnen gelenkt werden.

3. Das Sozialwort als Anregung zu einer erneuerten sozialen Praxis

Ziel des Sozialwort-Projektes war es, unter mehrfacher Rücksicht Anregungen für eine Erneuerung der sozialen Praxis der christlichen Kirchen zu bieten:

- Das Sozialwort will die theologisch-spirituellen Grundlagen sozialen Engagements erschließen, um so zu einer bewussteren Praxis aus dem Glauben anzuregen. So wird im Grundlagenkapitel aufgezeigt, wie die Zuwendung der Kirchen, der Christinnen und Christen, zu den Menschen in ihren Hoffnungen und Nöten in der Weltzuwendung Gottes selbst gründet. Zudem sind den inhaltlichen Abschnitten des Sozialwortes Schriftworte aus dem Alten und Neuen Testament vorangestellt, um deutlich zu machen, dass sich die Kirchen in ihrer sozialen Verantwortung dem Wort Gottes verpflichtet wissen.

- Das Sozialwort will Entscheidungshilfen für die Praxis anbieten, nicht ein bestimmtes Tun für alle vorschreiben, vielmehr unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten zur Auswahl anbieten. Mit den Textabschnitten „Aufgaben für die Kirchen“ bietet das Sozialwort Anregungen, mit welchen Initiativen die Anliegen des Sozialworts in die Praxis umgesetzt werden können.

- Das Sozialwort will zur Profilierung laufender Tätigkeiten anregen. Angesichts der häufigen Überlastung engagierter Christinnen und Christen wird es darauf ankommen, aus den vielen möglichen Antworten auf soziale Herausforderungen auszuwählen und so zu einer Profilierung der laufenden Tätigkeiten zu kommen.

- Schließlich will das Sozialwort Anregungen zur Netzwerkarbeit geben. Als ökumenisches Projekt ist das Sozialwort Ausdruck und Frucht konkreter Kooperation und Vernetzung. Es legt sich darum nahe, auch bei der Umsetzung der Anliegen des Sozialworts in Kooperation und Vernetzung die Gemeinschaft mit anderen, speziell auch mit anderen Kirchen zu suchen. Dadurch kann das eigene begrenzte Tun bestärkt werden und da und dort auch neue Anregungen erhalten.

4. Vermittlung der Inhalte des Sozialworts

Schon bei Erscheinen des Sozialwortes wurde ein Evaluationsprozess angekündigt. Dabei zeigte sich bereits nach einem Jahr eine erstaunliche Vielfalt von Formen der Vermittlung des Sozialwortes:

- In der Gestaltung von Gottesdiensten wurden Themen des Sozialwortes aufgegriffen und für Bibelrunden und Lesekreise verschiedenste Unterlagen erstellt. Es entstand auch ein „Sozialwort-Gebetbuch“ mit ausgewählten Gebetstexten zu den einzelnen Kapiteln des Sozialworts.

- Im Bereich der Bildungsarbeit wurden zu Themen des Sozialwortes Bildungsangebote entwickelt und durchgeführt; so die Lehrgänge „Wir gestalten Lebensräume“ oder „Engagiert für die Schöpfung“.

- Zahlreiche Diskussionen gab es zum Thema Grundsicherung und Grundeinkommen. Bei „ Sozial-Stammtischen“ wurden Forderungen des Sozialwortes in Verbindung mit aktuellen politischen Themen diskutiert.

- Mit VertreterInnen der Wirtschaft wurde das Anliegen „Gerecht wirtschaften“ mit „Zukunftsgesprächen“ aufgegriffen und Initiativen der „Corporate social responsibility“ angeregt.

- Im Medienbereich entstand im Rahmen eines lokalen TV-Senders ein so genanntes „Sozialwort-TV“, dessen Fernseh-Serie „Europa und der Stier“ mit dem Erasmus-EuroMedia Award 2007 ausgezeichnet wurde.

- In Vorbereitung auf die Dritte Ökumenische Versammlung in Sibiu/Hermannstadt 2007 wurden auch Übersetzungen des Sozialworts ins Englische und Ungarische erarbeitet. Der englische Text diente zudem der Internationalen Konsultation der Evangelisch-methodistischen Kirche zur Neufassung ihrer „Sozialen Grundsätze“.

5. Umsetzung der Anliegen in die Praxis

Mit den jährlichen Evaluationen kamen auch zahlreiche konkrete Initiativen in den Blick:

- Im Bereich der Politik beteiligten sich die Kirchen am Prozess der Erarbeitung einer neuen österreichischen Verfassung, dem „Österreich“-Konvent“, in den die Kirchen die Anliegen des Sozialwortes mit einer gemeinsamen Stellungnahme einbrachten.

- In verschiedenen Bundesländern fanden Gespräche zwischen Kirchen und politischen Parteien zu Themen des Sozialworts statt. Eine Sozialverträglichkeitsprüfung wurde in Oberösterreich (Diözese Linz) in das Programm der Koalitionsregierung von ÖVP und Grünen aufgenommen.

- Einige Gemeinden haben auf Basis des Sozialwortes „soziale Leitbilder“ für ihre kommunale Sozialpolitik unter reger BürgerInnenbeteiligung erarbeitet.

- In der „Allianz für den freien Sonntag“ schlossen sich die christlichen Kirchen mit Gewerkschaften, Vertretern aus Unternehmen und Freizeitorganisationen zusammen und initiierten zudem Allianzen u.a. in Deutschland, der Slowakei und Polen.

- Zur Unterstützung von Langzeitarbeitslosen wurden diözesane Arbeitslosenfonds errichtet - meist verbunden mit Stellungnahmen von kirchlichen Organisationen zu Fragen der steigenden Arbeitslosigkeit und Prekarisierung.

- Ein Lehrgang „Ethische Geldanlagen“ wurde von der Katholischen Sozialakademie Österreichs entwickelt, an dem Finanzverantwortliche aus Diözesen, Orden und kirchlichen Einrichtungen teilgenommen haben.

- Die Sorge um den Klimaschutz wurde von den Kirchen in mehrfacher Weise aufgenommen. Eine ökumenische „Konferenz der Umweltbeauftragten“ in den Diözesen wurde eingerichtet, mehrere Diözesen traten als solche dem Klimabündnis bei und verpflichteten sich auf eine entsprechende umweltverantwortliche Praxis.

- Im Religionsunterricht wurde mit dem Projekt der „Pilgrimschulen“ ein gemeinsames Programm zur Einführung in die Umweltverantwortung entwickelt. Durch die Öffnung in Richtung interreligiösem Dialog entstand so ein interkonfessioneller Unterricht.

Mit all diesen beispielhaft angeführten Initiativen leistete das Projekt Sozialwort nicht nur zu einer erneuerten sozialen Praxis der christlichen Kirchen einen Beitrag , sondern auch zur politisch-sozialen Bewusstseinsbildung in einer pluralen Gesellschaft. In diesem Sinn formulierte das Schlusskapitel des „Sozialworts“ auch Elemente einer Kultur der Demokratie : das dialogisch-kooperative Aufgreifen gesellschaftlicher Herausforderungen, den konstruktiven Umgang mit Konflikt und Sprache sowie die Unabschließbarkeit des Dialogs.

 

(2009-11-21) P. Alois Riedlsperger SJ